Blendender Glanz

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Christiane Schenderlein, Staatsministerin für Sport, ist unzufrieden. Dabei kommt ihr die vermeintlich enttäuschende Medaillenbilanz des deutschen Olympia-Teams wohl ganz gelegen. Das könnte fatale Folgen für den Sport haben. Denn es braucht dringend Reformen, aber ganz andere als jene, die sich die deutsche Sportspitze wünscht.

Noch kommt man im Streit um das neue Sportfördergesetz und die Struktur der Spitzensportagentur nur mühsam voran. Seit Monaten ringen der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Bundesregierung, vertreten durch Staatsministerin Schenderlein, um das Allerwertvollste bei der Vergabe von Fördermitteln: das letzte Wort. Eine Agentur, besetzt mit Expertinnen und Experten, soll beraten, wer wieviel bekommt. Wer schlussendlich aber entscheidet, wird noch verhandelt.

Das Abschneiden des deutschen Teams an den vergangenen Olympischen Spielen in Mailand und Cortina, das mit 26 Medaillen um ein Stück Edelmetall schlechter abschloss als 2022, kommt Schenderlein zu pass. Der DOSB, der die Leistung öffentlich verantwortet, kann sich große Sprüche erstmal nicht leisten. Anders als die Staatsministerin.

„Deutschland ist und bleibt eine Wintersportnation“, kommentierte Schenderlein das deutsche Abschneiden für den SID. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass wir in der Gesamtbilanz unseren eigenen Ansprüchen bei den Winterspielen 2026 nicht gerecht geworden sind“. In einem späteren MDR-Interview sprach sie vom Ziel, zu den besten drei Ländern an den Olympischen Winter- und zu den besten fünf an den Sommerspielen zu gehören. Darauf angesprochen, wer sich denn um den Nachwuchssport kümmern solle, verwies sie auf die Bundesländer. Dem Föderalismus sei Dank, darf sich der Bund auf den Glanz des Edelmetalls konzentrieren.

Aber ob nun Schenderlein etwas Boden gewonnen hat oder der DOSB grundsätzlich mehr Kompetenz mitbringt, ist für das große Ganze eher Nebensache. Denn alle Beteiligten wollen sowieso dasselbe: mehr Geld für mehr Spitze, mehr Geld für mehr Medaillen.

Ein wenig von gestern

Dabei wirkt die mangelnde Differenzierung, mit der Schenderlein ihre hehren Ziele formuliert, im Ton und in der Sache, unverhältnismäßig und von gestern. Denn die Kommerzialisierung des globalen Sports hat in den vergangenen Jahren die Kräfteverhältnisse massiv verschoben. Hebel, die Investitionen jeglicher Art verlässlich in Medaillen ummünzen, sind unbezahlbar geworden.

Nicht nur, dass Länder wie die USA mit ihrem milliardenschweren, von Football und Basketball quersubventionierten College-System oder China mit einer ganz anderen Opferbereitschaft und Priorisierung – finanziell, strukturell, aber auch kulturell – völlig anders ausgestattet sind. Auch die Konkurrenz aus vielen weiteren Ecken der Welt hat durch gezielte, oft riskante Spezialisierungen manche Sportkategorie für sich beansprucht.

Trotzdem erwarten nun Bund und DOSB, dass eine Agentur Medaillenpotenziale präzise und effizient identifiziert, um (in sportlicher Zeitrechnung) kurzfristig, also in den kommenden vier bis acht Jahren, für eine “Rückkehr unter die Topnationen” zu sorgen. Doch leider gibt es mindestens vier gute Gründe, warum eine noch konzentriertere Bündelung von finanziellen Mitteln mehr Schaden als Nutzen verursachen würde.

Bewiesene Unplanbarkeit

Zunächst einmal dürfte eine überproportionale Förderung von aktuellen Erfolgssportarten die bestehende Monokultur nur noch weiter verstärken. Sechs der acht Goldmedaillen wurden im Eiskanal errungen, ohne den stünde es um die deutsche Bilanz noch viel schlimmer. Doch statt aus einer Kategorie mit Mühe noch den letzten Tropfen herausquetschen zu wollen, wäre es nicht sinnvoller, sich auf Sportarten zu konzentrieren, deren Potenzial nicht bereits derart erschöpft ist?

Zweitens dürfte den deutschen Sport seine kulturelle Trägheit bereits genug Medaillen gekostet haben. Denn gerade in jüngeren Sportarten, etwa in Snowboard- oder Freestyle-Disziplinen, schneiden hiesige Athletinnen und Athleten besonders schlecht ab. Die vermeintlich direkte Konkurrenz aus den USA, China oder Japan brilliert und erschafft bei jungen Zielgruppen beliebte Superstars.

Der dritte Grund, weshalb Deutschland so nur in eine weitere Sackgasse steuert, ist die bewiesene Unplanbarkeit. Um sich in einer Sportkategorie als Land langfristig zu behaupten, erfordert es neben Infrastruktur und Ausbildung vor allem eines: Zeit. Jahre, Jahrzehnte, vielleicht sogar Generationen.

Das IOC hat aber bereits angekündigt, das olympische Programm in Zukunft noch dynamischer zu gestalten. Cyclocross oder Geländelauf werden für eine Aufnahme heiß gehandelt, die Nordische Kombination und verschiedene Disziplinen aus dem Eiskanal sind hingegen Streichkandidaten. Millionen für Sportarten zu verplanen, die irgendwann sowieso nicht mehr Teil der Olympischen Spiele sein werden?

Womit auch der vierte Grund zusammenhängt. Um in Zukunft erfolgreich aus einem optimal gewichteten Athletinnen- und Athletenpool schöpfen zu können, wird es weniger nötig sein, kurzfristig Spitzenpersonal zu formen. Gewiss wird es konkurrenzfähige Bedingungen brauchen. Viel wichtiger wird aber ein gesunde und flexible Breite sein – nicht nur im Interesse des Medaillenspiegels, sondern auch in jenem der Bevölkerung.

Denn so bitter es für Skeletonis, Bobfahrer und Rodler klingen mag, jeder in ihren Sportarten angelegter Euro wird vielleicht auf kurze Sicht die eine oder andere Medaille näher bringen, im zugänglicheren Turnsport, Handball oder auch Biathlon wird sein gemeiner Nutzen unvergleichbar höher sein, wird er mehr Menschen zum Sport verführen, wird er mehr zum Allgemeinwohl beitragen.

Vielfalt oder Spitze?

Für Expertinnen und Experten steht fest, dass die dem Bund zur Verfügung stehenden Mittel nie für eine ausreichende Finanzierung von Medaillen und Breitensport ausreichen können. Urs Granacher, Vorsitzender der PotAS-Kommission, eines unabhängigen Gremiums, beauftragt von Bundesregierung und DOSB, stellte fest: „Vielfalt und Spitze sind vermutlich nicht bezahlbar“.

Wer verstehen möchte, was umsichtige Erfolgsplanung im Sport bedeutet, sollte in die Ferne nach Australien schauen. Die Sport-Kommission der dortigen Regierung hat vor Kurzem einen 90-seitigen Report zur Zukunft des australischen Sports bis 2032 veröffentlicht, der nicht nur Investitionen fordert. Um auch, aber nicht nur mehr Medaillen zu sammeln, sondern auch eine gesündere und glücklichere Bevölkerung vorweisen zu können, hat man sich mit sechs Trends auseinandersetzt und entsprechend die Anpassungen innerhalb bestehender politischer Strukturen beschrieben:

Die Förderung von und der Umgang mit nicht-organisiertem, unverbindlichem Sportangebot, der Vereinssport nicht ersetzen, sondern ergänzen und unterstützen soll. Die Übertragung von wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt in die Sportgemeinde (Medizin, Training, Verwaltung etc.). Gestaltung der richtigen Rahmenbedingungen für neue Sporträume, etwa digitale Welten, wie OTT-Angebote, Virtuelle Realität oder Esports, aber auch neue Formen des Outdoor-Sports. Ein besseres Verwerten der sozialen Kraft des Sports in einer Gesellschaft, deren Diversität immer mehr zunimmt (Alter, Kultur, Geschlechter, Behinderungen etc.). Eine nachhaltige Weiterentwicklung innerhalb des Sports durch Förderung körperlicher und mentaler Sicherheit, ökologischer Verantwortung oder allgemeiner Mündigkeit von Athletinnen und Athleten. Und Aufbau von Resilienz und Fähigkeiten, mit neuen Herausforderungen umzugehen, etwa mit geopolitischen Konflikten, dem Klimawandel oder anderen Krisen wie Pandemien.

Im Einklang mit den Bedürfnissen der Zeit

Im Jahr 1988 gewann die DDR an den Olympischen Sommerspielen in Seoul 102 Medaillen (37 Gold, 35 Silber, 30 Bronze) und schnitt damit als zweiterfolgreichstes Land der Welt ab – vor den USA (94 Medaillen), nur hinter der Sowjetunion (132). Bleiben wir medaillenfixiert wie es sich manche wünschen, stellt sich die Frage: Hätte Deutschland 1988, spätestens dann zur Wende nicht das Sportsystem der DDR adaptieren sollen, wenn es denn so erfolgreich war?

Der Weg zu mehr Medaillen muss im Einklang mit den Bedürfnissen der Zeit gehen. Weder eine Austragung Olympischer Spiele in der Bundesrepublik noch mehr Schießpulver für die absolute Spitze werden hierzu nachhaltig beitragen können. Und dass Goldmedaillen auch der allgemeinen Sportbegeisterung zuträglich sind? Bis heute gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis eines messbaren Effekts von Medaillenerfolgen auf die langfristige Sport- und Bewegungsbeteiligung.

Statt dessen benötigt es Ressourcen, finanzielle sowie personelle und räumliche, für regelmäßigen und verbindlichen Schulsport. Aber auch funktionstüchtige Sportinfrastruktur mit ausreichend frei verfügbaren Hallen und Sportflächen, ein unbürokratisches Vereinswesen, ausreichend Rad- und Gehwege für natürliche, auto-unabhängige Mobilität, „Cash-for-Exercise“-Programme für eine vergünstigte Krankenversicherung oder Subventionen für Kinder und Erwachsene, um durch fehlende finanzielle Mittel nicht am Sporttreiben gehindert zu werden.

Der deutsche Staat unterschätzt seit Jahrzehnten die inklusive, gesundheitliche und auch identitätsstiftende Rolle des Sports. Die peinliche Farce mit der zerhackten Sportmilliarde war nur ein weiterer Beweis für sein andauerndes Desinteresse, relevantes Geld dort zu investieren, wo es einen Unterschied macht. Würde eine Bundesregierung eine ernst gemeinte Sportpolitik betreiben, kämen die Medaillen später von selbst. Diese Aufgabe wird Staatsministerin Schenderlein aber keine Förderagentur abnehmen können.

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