Die Zerrissenen

Die Ereignisse dieses Wochenendes im tschechischen Fußball sind eine frustrierende Mahnung dafür, wie Fan- und Vereinskultur durch zu viel schnelles Geld in den Abgrund gerissen werden können. Mein Großvater wusste, wovon er sprach.
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In der 97. Minute, drei Minuten vor Ablauf der angezeigten Nachspielzeit, führt Slavia Prag gegen den Rivalen Sparta mit 3:2. Bei elf Punkten Vorsprung wird dieser Sieg den Jubel zum nächsten Meistertitel einleiten. Doch noch vor Abpfiff stürmen Fans der „Tribuna Sever“ („Nordtribüne“) den Platz. Sie greifen gegnerische Spieler an, schießen Pyro in die gegenüberliegende Fankurve. Das Feld versinkt im Chaos, das Spiel wird abgebrochen. Nach dem jüngsten Korruptionsskandal im tschechischen Fußball Anfang des Jahres markiert dieser Samstag einen neuen Tiefpunkt – und ist zugleich die logische Folge eines lange missverstandenen Kapitels im internationalen Fußball.

Wie viele erbte ich meine einstige Liebe zu Slavia Prag von meinem Großvater. Gewiss ein bisschen verklärt, erzählte er mir schon in jungen Jahren von Slavias bürgerlicher Historie, vom antikommunistischen Kampf seiner Funktionäre und von der Entstehungsgeschichte des ikonischen rot-weißen „Sešívaní“-Trikots („der Zusammengenähten“). Als wir 1998 gemeinsam im noch alten Eden-Stadion den überraschenden UEFA-Cup-Sieg gegen Schalke erleben durften, war es endgültig um mich geschehen.

Nach seiner Renaissance in den 1990er-Jahren, ermöglicht auch durch das Investorengeld von Sammelkarten-Unternehmer Boris Korbel, einem Vertreter der ersten postsozialistischen Mäzenen-Generation (und vielleicht auch nur weil Sparta Korbels Geld nicht wollte), gewann Slavia erstmals seit fast fünfzig Jahren wieder die Meisterschaft. Dank Karel Poborskýs Dribblings gegen AS Rom erreichte man 1996 das Halbfinale des UEFA-Cups und brachte weitere Ikonen der goldenen tschechischen Generation hervor, wie Pavel Kuka, Vladimír Šmicer oder Patrik Berger.

Trotzdem prägten den Klub weiter Höhen und Tiefen: 2007 schaltete Slavia Ajax Amsterdam aus und qualifizierte sich zum ersten Mal für die Champions-League. Wenig später stand man einer möglichen Insolvenz und einem Absturz in die Zweitklassigkeit gegenüber.

2015 stieg der Investor CEFC China Energy ein, vermittelt durch den ehemaligen und nicht unumstrittenen Verteidigungsminister Jaroslav Tvrdík, der in direkter Folge Vorsitzender und Präsident des Klubs wurde. Als „Retter“ proklamiert erwarben die Chinesen knapp 60 %, die restlichen 40 % kaufte der Airline-Unternehmer Jiří Šimáně. Obwohl die Eigentümerstruktur später auf einen anderen staatsnahen chinesischen Investor und 2023 auf den tschechischen Milliardär Pavel Tykac überging, profitierte Slavia massiv vom neuen Geld. Der Verein gewann fünf weitere Meistertitel, qualifizierte sich mehrfach für die Champions League und erreichte auch dank den Künsten seines charismatischen Trainers, eines selbsternannten Klopp-Verschnitts, Jindřich Trpišovský, zweimal das Viertelfinale in der Europa League.

Rassistische Ausfälle, tätliche Angriffe, meist ohne Konsequenzen, ins Aus verteidigt von einer kreativen PR-Abteilung. Aus einem überwiegend bodenständigen Verein, der einst für seinen Widerstand gegen das Inhumane bestraft wurde, entwickelte sich ein arroganter Schickeria-Klub, der sportlichen Erfolg zunehmend als Rechtfertigung für jeden Fehltritt missbraucht.

Ich selbst haderte mittlerweile zunehmend mit diesem Erfolg – auch weil Chinas Einfluss in Tschechien auf politischer Ebene immer bedrohlicher wurde und Slavia vermutlich nur ein Baustein einer deutlich ganzheitlicheren Strategie war. Das Reich der Mitte suchte und fand günstige Sympathieträger, die es chinesischen Akteuren in Osteuropa ermöglichten, ins innere des Staatsapparats durchzudringen.

Zu meiner Entfremdung trug auch bei, dass sich mit dem neuen Geld auch das Verhalten vieler Fans und Spieler veränderte. Rassistische Ausfälle, tätliche Angriffe, meist ohne Konsequenzen, ins Aus verteidigt von einer kreativen PR-Abteilung. Das Ignorante, das wir so gerne den brutalen Glatzköpfen von Sparta oder Banik zusprachen, hatte sich in unserem Herzensklub eingenistet. Aus einem überwiegend bodenständigen Verein, der einst für seinen Widerstand gegen das Inhumane bestraft wurde, entwickelte sich ein arroganter Schickeria-Klub, der sportlichen Erfolg zunehmend als Rechtfertigung für jeden Fehltritt missbraucht.

Schon am Sonntag verurteilte Präsident Jaroslav Tvrdík das Verhalten der randalierenden Fans in einem Instagram-Post. Am Montag wurden die ersten lebenslangen Stadionverbote ausgesprochen. Die Schuldigen würden auch für die Strafen und finanziellen Verlusten haften müssen. Mit aller Härte des Gesetzes. Dass dieser jüngste Kollaps nur die nächste Folge einer ausgehöhlten, von Selbstgefälligkeit zerfressenen Vereinsidentität ist, verursacht von Tvrdik und sehr viel chinesischem Geld, bleibt unausgesprochen.

Mein Großvater verstarb im Frühjahr 2021. In jenem Jahr sollte Slavia den dritten Meistertitel in Folge feiern. Einst sagte er zu mir, Geld verderbe nicht immer den Charakter, aber immer dann, wenn es einem plötzlich in den Schoß fällt. Es würde ihm vermutlich nicht missfallen, würde Slavia dieses Jahr doch keinen Titel feiern dürfen. Und mir auch nicht.

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