{"id":625,"date":"2026-04-14T00:40:41","date_gmt":"2026-04-13T22:40:41","guid":{"rendered":"https:\/\/hawkeyepod.de\/?p=625"},"modified":"2026-04-15T00:42:16","modified_gmt":"2026-04-14T22:42:16","slug":"blendender-glanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hawkeyepod.de\/?p=625","title":{"rendered":"Blendender Glanz"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Christiane Schenderlein, Staatsministerin f\u00fcr Sport, ist unzufrieden. Dabei kommt ihr die vermeintlich entt\u00e4uschende Medaillenbilanz des deutschen Olympia-Teams wohl ganz gelegen. Das k\u00f6nnte fatale Folgen f\u00fcr den Sport haben. Denn es braucht dringend Reformen, aber ganz andere als jene, die sich die deutsche Sportspitze w\u00fcnscht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch kommt man im Streit um das neue Sportf\u00f6rdergesetz&nbsp;und die Struktur der&nbsp;Spitzensportagentur nur m\u00fchsam voran. Seit Monaten ringen der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Bundesregierung, vertreten durch Staatsministerin Schenderlein, um das Allerwertvollste bei der Vergabe von F\u00f6rdermitteln: das letzte Wort.&nbsp;Eine Agentur, besetzt mit Expertinnen und Experten, soll beraten, wer wieviel bekommt. Wer schlussendlich aber entscheidet, wird noch verhandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Abschneiden des deutschen Teams an den vergangenen Olympischen Spielen in Mailand und Cortina, das mit 26 Medaillen um ein St\u00fcck Edelmetall schlechter abschloss als 2022, kommt Schenderlein zu pass. Der DOSB, der die Leistung \u00f6ffentlich verantwortet, kann sich gro\u00dfe Spr\u00fcche erstmal nicht leisten. Anders als die Staatsministerin.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Deutschland ist und bleibt eine Wintersportnation\u201c, kommentierte Schenderlein das deutsche Abschneiden f\u00fcr den SID. Zur Wahrheit geh\u00f6re aber auch, dass wir in der Gesamtbilanz unseren eigenen Anspr\u00fcchen bei den Winterspielen 2026 nicht gerecht geworden sind\u201c.&nbsp;In einem sp\u00e4teren MDR-Interview sprach sie vom Ziel, zu den besten drei L\u00e4ndern an den Olympischen Winter- und zu den besten f\u00fcnf an den Sommerspielen zu geh\u00f6ren. Darauf angesprochen, wer sich denn um den Nachwuchssport k\u00fcmmern solle, verwies sie auf die Bundesl\u00e4nder. Dem F\u00f6deralismus sei Dank, darf sich der Bund auf den Glanz des Edelmetalls konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ob nun Schenderlein etwas Boden gewonnen hat oder der DOSB grunds\u00e4tzlich mehr Kompetenz mitbringt, ist f\u00fcr das gro\u00dfe Ganze eher Nebensache. Denn alle Beteiligten wollen sowieso dasselbe: mehr Geld f\u00fcr mehr Spitze, mehr Geld f\u00fcr mehr Medaillen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein wenig von gestern<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Dabei wirkt die mangelnde Differenzierung, mit der Schenderlein ihre hehren Ziele formuliert, im Ton und in der Sache, unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig und von gestern. Denn die Kommerzialisierung des globalen Sports hat in den vergangenen Jahren die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse massiv verschoben. Hebel, die Investitionen jeglicher Art verl\u00e4sslich in Medaillen umm\u00fcnzen, sind unbezahlbar geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur, dass L\u00e4nder wie die USA mit ihrem milliardenschweren, von Football und Basketball quersubventionierten College-System oder China mit einer ganz anderen Opferbereitschaft und Priorisierung &#8211; finanziell, strukturell, aber auch kulturell &#8211; v\u00f6llig anders ausgestattet sind. Auch die Konkurrenz aus vielen weiteren Ecken der Welt hat durch gezielte, oft riskante Spezialisierungen manche Sportkategorie f\u00fcr sich beansprucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem erwarten nun Bund und DOSB, dass eine Agentur Medaillenpotenziale pr\u00e4zise und effizient identifiziert, um (in sportlicher Zeitrechnung) kurzfristig, also in den kommenden vier bis acht Jahren, f\u00fcr eine \u201cR\u00fcckkehr unter die Topnationen\u201d zu sorgen.&nbsp;Doch leider gibt es mindestens vier gute Gr\u00fcnde, warum eine noch konzentriertere B\u00fcndelung von finanziellen Mitteln mehr Schaden als Nutzen verursachen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bewiesene Unplanbarkeit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal d\u00fcrfte eine \u00fcberproportionale F\u00f6rderung von aktuellen Erfolgssportarten die bestehende Monokultur nur noch weiter verst\u00e4rken. Sechs der acht Goldmedaillen wurden im Eiskanal errungen, ohne den st\u00fcnde es um die deutsche Bilanz noch viel schlimmer. Doch statt aus einer Kategorie mit M\u00fche noch den letzten Tropfen herausquetschen zu wollen, w\u00e4re es nicht sinnvoller, sich auf Sportarten zu konzentrieren, deren Potenzial nicht bereits derart ersch\u00f6pft ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens d\u00fcrfte den deutschen Sport seine kulturelle Tr\u00e4gheit bereits genug Medaillen gekostet haben. Denn gerade in j\u00fcngeren Sportarten, etwa in Snowboard- oder Freestyle-Disziplinen, schneiden hiesige Athletinnen und Athleten besonders schlecht ab. Die vermeintlich direkte Konkurrenz aus den USA, China oder Japan brilliert und erschafft bei jungen Zielgruppen beliebte Superstars.<br><br>Der dritte Grund, weshalb Deutschland so nur in eine weitere Sackgasse steuert, ist die bewiesene Unplanbarkeit. Um sich in einer Sportkategorie als Land langfristig zu behaupten, erfordert es neben Infrastruktur und Ausbildung vor allem eines: Zeit. Jahre, Jahrzehnte, vielleicht sogar Generationen.<br><br>Das IOC hat aber bereits angek\u00fcndigt, das olympische Programm in Zukunft noch dynamischer zu gestalten. Cyclocross oder Gel\u00e4ndelauf werden f\u00fcr eine Aufnahme hei\u00df gehandelt, die Nordische Kombination und verschiedene Disziplinen aus dem Eiskanal sind hingegen Streichkandidaten. Millionen f\u00fcr Sportarten zu verplanen, die irgendwann sowieso nicht mehr Teil der Olympischen Spiele sein werden?<br><br>Womit auch der vierte Grund zusammenh\u00e4ngt. Um in Zukunft erfolgreich aus einem optimal gewichteten Athletinnen- und Athletenpool sch\u00f6pfen zu k\u00f6nnen, wird es weniger n\u00f6tig sein, kurzfristig Spitzenpersonal zu formen. Gewiss wird es konkurrenzf\u00e4hige Bedingungen brauchen. Viel wichtiger wird aber ein gesunde und flexible Breite sein &#8211; nicht nur im Interesse des Medaillenspiegels, sondern auch in jenem der Bev\u00f6lkerung.<br><br>Denn so bitter es f\u00fcr Skeletonis, Bobfahrer und Rodler klingen mag, jeder in ihren Sportarten angelegter Euro wird vielleicht auf kurze Sicht die eine oder andere Medaille n\u00e4her bringen, im zug\u00e4nglicheren Turnsport, Handball oder auch Biathlon wird sein gemeiner Nutzen unvergleichbar h\u00f6her sein, wird er mehr Menschen zum Sport verf\u00fchren, wird er mehr zum Allgemeinwohl beitragen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vielfalt oder Spitze?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Expertinnen und Experten steht fest, dass die dem Bund zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel nie f\u00fcr eine ausreichende Finanzierung von Medaillen und Breitensport ausreichen k\u00f6nnen. Urs Granacher, Vorsitzender der PotAS-Kommission, eines unabh\u00e4ngigen Gremiums, beauftragt von Bundesregierung und DOSB, stellte fest: \u201eVielfalt und Spitze sind vermutlich nicht bezahlbar\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer verstehen m\u00f6chte, was umsichtige Erfolgsplanung im Sport bedeutet, sollte in die Ferne nach Australien schauen. Die Sport-Kommission der dortigen Regierung hat vor Kurzem einen 90-seitigen Report zur Zukunft des australischen Sports bis 2032 ver\u00f6ffentlicht, der nicht nur Investitionen fordert. Um auch, aber nicht nur mehr Medaillen zu sammeln, sondern auch eine ges\u00fcndere und gl\u00fccklichere Bev\u00f6lkerung vorweisen zu k\u00f6nnen, hat man sich mit sechs Trends auseinandersetzt und entsprechend die Anpassungen innerhalb bestehender politischer Strukturen beschrieben:<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00f6rderung von und der Umgang mit nicht-organisiertem, unverbindlichem Sportangebot, der Vereinssport nicht ersetzen, sondern erg\u00e4nzen und unterst\u00fctzen soll. Die \u00dcbertragung von wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt in die Sportgemeinde (Medizin, Training, Verwaltung etc.). Gestaltung der richtigen Rahmenbedingungen f\u00fcr neue Sportr\u00e4ume, etwa digitale Welten, wie OTT-Angebote, Virtuelle Realit\u00e4t oder Esports, aber auch neue Formen des Outdoor-Sports. Ein besseres Verwerten der sozialen Kraft des Sports in einer Gesellschaft, deren Diversit\u00e4t immer mehr zunimmt (Alter, Kultur, Geschlechter, Behinderungen etc.). Eine nachhaltige Weiterentwicklung innerhalb des&nbsp;Sports durch F\u00f6rderung k\u00f6rperlicher und mentaler Sicherheit, \u00f6kologischer Verantwortung oder allgemeiner M\u00fcndigkeit von Athletinnen und Athleten. Und Aufbau von Resilienz und F\u00e4higkeiten, mit neuen&nbsp;Herausforderungen umzugehen, etwa mit geopolitischen Konflikten, dem&nbsp;Klimawandel oder anderen Krisen wie Pandemien.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Im Einklang mit den Bed\u00fcrfnissen der Zeit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1988 gewann die DDR an den Olympischen Sommerspielen in Seoul 102 Medaillen (37 Gold, 35 Silber, 30 Bronze) und schnitt damit als zweiterfolgreichstes Land der Welt ab &#8211; vor den USA (94 Medaillen), nur hinter der Sowjetunion (132). Bleiben wir medaillenfixiert wie es sich manche w\u00fcnschen, stellt sich die Frage: H\u00e4tte Deutschland 1988, sp\u00e4testens dann zur Wende nicht das Sportsystem der DDR adaptieren sollen, wenn es denn so erfolgreich war?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zu mehr Medaillen muss im Einklang mit den Bed\u00fcrfnissen der Zeit gehen. Weder eine Austragung Olympischer Spiele in der Bundesrepublik noch mehr Schie\u00dfpulver f\u00fcr die absolute Spitze werden hierzu nachhaltig beitragen k\u00f6nnen. Und dass Goldmedaillen auch der allgemeinen Sportbegeisterung zutr\u00e4glich sind? Bis heute gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis eines&nbsp;messbaren Effekts von Medaillenerfolgen auf die langfristige Sport-&nbsp;und Bewegungsbeteiligung.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt dessen ben\u00f6tigt es Ressourcen, finanzielle sowie personelle und r\u00e4umliche, f\u00fcr regelm\u00e4\u00dfigen und verbindlichen Schulsport. Aber auch funktionst\u00fcchtige Sportinfrastruktur mit ausreichend&nbsp;frei verf\u00fcgbaren Hallen und Sportfl\u00e4chen, ein unb\u00fcrokratisches Vereinswesen,&nbsp;ausreichend Rad- und Gehwege f\u00fcr nat\u00fcrliche, auto-unabh\u00e4ngige Mobilit\u00e4t, \u201eCash-for-Exercise\u201c-Programme f\u00fcr eine verg\u00fcnstigte Krankenversicherung oder&nbsp;Subventionen f\u00fcr Kinder und Erwachsene, um durch fehlende finanzielle Mittel nicht&nbsp;am Sporttreiben gehindert zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der deutsche Staat untersch\u00e4tzt seit Jahrzehnten die inklusive, gesundheitliche und auch identit\u00e4tsstiftende Rolle des Sports. Die peinliche Farce mit der zerhackten Sportmilliarde war nur ein weiterer Beweis f\u00fcr sein andauerndes Desinteresse, relevantes Geld dort zu investieren, wo es einen Unterschied macht. W\u00fcrde eine Bundesregierung eine ernst gemeinte Sportpolitik betreiben, k\u00e4men die Medaillen sp\u00e4ter von selbst. Diese Aufgabe wird Staatsministerin Schenderlein aber keine F\u00f6rderagentur abnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Christiane Schenderlein, Staatsministerin f\u00fcr Sport, ist unzufrieden. 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