{"id":628,"date":"2026-04-13T00:42:50","date_gmt":"2026-04-12T22:42:50","guid":{"rendered":"https:\/\/hawkeyepod.de\/?p=628"},"modified":"2026-04-15T01:00:23","modified_gmt":"2026-04-14T23:00:23","slug":"628","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hawkeyepod.de\/?p=628","title":{"rendered":"Die Playtomisierung des Sports"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer Playtomic oder Urban Sports Club als zwingende Konkurrenz zum Verbandssport versteht, sollte neu denken. Ein Zulieferer neuer Mitglieder sind solche Plattformen aber ebenso wenig. Und jetzt?<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Playtomic &amp; Co. haben sich als Betriebssystem ganzer Sportarten etabliert, beispielhaft f\u00fcr einen neuen, selbstverwalteten Breitensport.<\/li>\n\n\n\n<li>Solche alternative Spielwiesen schaffen eine niedrigschwellige Vorstufe, von der der Verbandssport profitieren kann &#8211; es aber noch nicht tut.<\/li>\n\n\n\n<li>\u00dcberholte Verbandsstrukturen und eine verkrustete B\u00fcrokratie erschweren den Wandel zu einem flexibleren Sportsystem.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die Freude beim DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) ist gro\u00df. Zum ersten Mal knackt der Verband die&nbsp;<a target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/mehr-als-29-millionen-mitglieder-dosb-verkuendet-neuen-rekord-104.html\">Marke von 29 Millionen Mitgliedern<\/a>, organisiert in rund 86.000 Sportvereinen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist der Zulauf gro\u00df: Die Mitgliedschaften stiegen&nbsp;<a target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.merkur.de\/sport\/mehr-sport\/dosb-berichtet-ueber-neuen-mitgliederrekord-im-deutschen-sport-zr-94031910.html\">bei den Unter-7-J\u00e4hrigen um 4,1 % und bei den 7- bis 14-J\u00e4hrigen sogar um 4,58 %<\/a>, Wartelisten f\u00fcr beliebte Sportarten werden immer l\u00e4nger. Der \u201cCorona-Kollaps\u201d scheint l\u00e4ngst \u00fcberwunden, die abnehmende Bedeutung von Vereinssport nur ein M\u00e4rchen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch kommerzielle, digitale Plattformen, die sich bewusst auf die Vermittlung vereinsunabh\u00e4ngiger Sportangebote fokussieren, wachsen stark &#8211; etwa&nbsp;<em>Classpass<\/em>,&nbsp;<em>Urban Sports Club<\/em>,&nbsp;<em>Jugad<\/em>&nbsp;und vor allem&nbsp;<em>Playtomic<\/em>. Letzteres, weiterbefeuert von der j\u00fcngsten&nbsp;<a target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.tennismagazin.de\/news\/racketsport-community-plattform-playtomic-waechst-in-den-usa-und-in-europa\">Investition von 65 Millionen EUR<\/a>, verzeichnete 2024 eigenen Angaben nach ein Umsatzplus von 40 % (insgesamt 240 Millionen Euro) bei mittlerweile 6.000 teilnehmenden Sportanlagen und monatlich 1,5 Millionen aktiven Spielern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die spanische App, die sich bislang nur auf Racket-Sportarten spezialisiert, profitiert dabei vor allem von der zunehmenden globalen Popularit\u00e4t von Padel: W\u00e4hrend Tennishallen abgebaut werden,&nbsp;<a target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/playtomic.com\/global-padel-report\">er\u00f6ffnen jeden Tag neun neue Padel-Klubs, Ende 2024 waren es bereits knapp 16.000 weltweit<\/a>, 26 % mehr als im Vorjahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Playtomic hat sich als eine Art \u201cBetriebssystem\u201d dieser Disziplin etabliert, beispielhaft f\u00fcr einen neuen, selbstverwalteten Breitensport: Mitspieler suchen und finden, Spielergebnisse eintragen, Courts buchen und die Bezahlung unter allen Spielern splitten (Playtomic verdient an jeder \u00dcberweisung sowie mit Premium-Konten), Messaging und sogar ein Algorithmus, der hilft, die Spielst\u00e4rke von Nutzern einzusch\u00e4tzen, um so ausgewogene Paarungen anzusetzen. Wer im Padelsport unterwegs ist, egal ob als Courtbetreiber oder Aktiver, kommt an Playtomic nicht mehr vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Also was nun? Ist der Vereinssport st\u00e4rker als je zuvor oder doch unter Beschuss durch unverbindliche, von Investoren fitgespritzte Angebote?<\/p>\n\n\n\n<p>Beides und weder noch.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Andere Logik des Wachstums<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal unterscheidet sich das Verhalten von Aktiven immer noch stark von Sport zu Sport. Vereinfacht gesagt, je komplexer die Organisation des Sportbetriebs, je anspruchsvoller die physische Infrastruktur und je gr\u00f6\u00dfer die ben\u00f6tigte Zahl der Aktiven, desto stabiler das konventionelle Vereinsmodell. Noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcberhinaus zeichnet sich n\u00e4mlich ab, dass<strong>&nbsp;<\/strong>alternative Spielwiesen wie Playtomic eine neue niedrigschwellige Vorstufe zum organisierten Sport schaffen und dass insbesondere junge Aktive (die nicht mehr von ihren Eltern in Vereinen angemeldet werden) sowie auch \u00e4ltere, wohl situierte Freizeitsportler immer st\u00e4rker zu unverbindlichen Angeboten tendieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Logik: Um eine organisierte Sportart betreiben zu k\u00f6nnen, muss man in den meisten traditionellen Disziplinen &#8211; nach ein, zwei Schnupperterminen &#8211; Mitglied in einem Verein werden. F\u00fcr viele Menschen (etwa jene, denen sportliches oder soziales Selbstbewusstsein fehlt oder die in ihrer Lebenssituation verbindliche Gruppendynamiken scheuen) ist dies aber eine H\u00fcrde, die sie nicht nehmen m\u00f6chten. In Folge dessen nehmen sie Sport gar nicht auf oder wenden sich Alternativen zu. Haben sie die M\u00f6glichkeit, mittels flexiblerer Angebote in eine Sportart geduldig \u201chineinzuwachsen\u201d, ist es hingegen deutlich wahrscheinlicher, dass sie sich in einer sp\u00e4teren Phase doch noch an einen Verein binden.<\/p>\n\n\n\n<p>Traditionelle Verb\u00e4nde und Vereine sollten und m\u00fcssen deshalb ihren bisherigen \u201cKonversionspfad\u201d (also den Weg, den Sportlerinnen und Sportler vom ersten Kontakt bis hin zur Mitgliedschaft durchwandern) neu denken &#8211; vielleicht sogar das Prinzip der Mitgliedschaft als solche.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Grenzen des Systems<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Im Weg stehen ihnen dabei nicht nur Gewohnheiten und die Bequemlichkeit ihrer Bedenkentr\u00e4ger. Auch die bestehenden legislativen Rahmenbedingungen und eine verkrusteten B\u00fcrokratie in den beteiligten Sport\u00e4mtern erschwert einen solchen Wandel.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Bildung erster Sportorganisationen Mitte des 19. Jahrhunderts dienten Verb\u00e4nde und ihre Vereine prim\u00e4r zur Organisation und Verwaltung von Trainings- und Spielbetrieben sowie zur Verbreitung jeweiliger Sportarten &#8211; eine Funktion die in ihrer bisherigen Form an Bedeutung verliert. Als Erbe dieser Zeit genie\u00dfen solche Organisationen heute aber weiterhin einen rechtlichen Sonderstatus, erfahren F\u00f6rderungen und Steuerverg\u00fcnstigungen und erhalten oft exklusiven Zugang zu \u00f6ffentlicher Sportinfrastruktur. In der Regel (wenn nicht als professionelle Vereine ausgegr\u00fcndet) m\u00fcssen sie daf\u00fcr eine formale Gemeinn\u00fctzigkeit vorweisen und einem teils nachvollziehbaren, teils aber l\u00e4ngst \u00fcberholten Regelkorsett folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich hat dieses Prinzip gute Gr\u00fcnde: Warum sollte der Staat Organisationen mit Steuergeld unterst\u00fctzen, deren Betreiber erwirtschaftete Gewinne in die eigene Tasche stecken? Dieselbe Frage kann man sich auch bei milliardenschweren Staatssubventionen f\u00fcr klimasch\u00e4dliche Industrien stellen, aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch gilt eine Anerkennung der Gemeinn\u00fctzigkeit indirekt als G\u00fctesiegel. Um beim Beispiel zu bleiben: Vor Kurzem stellte Playtomic ein Crowdfunding-Programm vor, \u00fcber das Fans und Nutzer in die App investieren k\u00f6nnen. Da Playtomic in der Vergangenheit bereits reichlich Investorengeld eingesammelt und sogar eine Reihe lokaler Konkurrenz-Apps aufgekauft hatte, l\u00e4sst sich der Bedarf f\u00fcr Crowdfunding nicht ganz nachvollziehen (Empfehlung:&nbsp;<a target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/flexibleren%20angeboten\/\">Doppelg\u00e4nger-Podcast<\/a>). Will man seine Fans noch mehr motivieren, die App zu streuen? Wird das Geld knapp? Gemeinn\u00fctzige Vereine m\u00fcssen ihre B\u00fccher offenlegen und sind \u00c4mtern und auch ihren Mitgliedern absolute Transparenz schuldig. Pl\u00f6tzlich vergleicht man \u00c4pfel mit Birnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig stellt das bestehende System aber auch Anforderungen, die aus der Zeit gefallen scheinen:<\/p>\n\n\n\n<p>Um beispielsweise als junge Sportart Mitglied im DOSB zu werden (und so weiter zum Wachstum der 29 Millionen Mitglieder beizutragen) muss sie mindestens in der H\u00e4lfte, also in acht der sechzehn Landessportb\u00fcnde Mitglied sein. Das bindet Aufmerksamkeit und Personal, die woanders tauglicher sein k\u00f6nnten. Ein Tribut an ein im digitalen Zeitalter zu \u00fcberdenkendes f\u00f6derales Sportsystem. Ein anderes Beispiel: Ohne ein in einem Landesverband aufgenommener Verein zu sein, im Idealfall mit einer gewissen Historie, erhalten Sportgruppen in vielen Kommunen oder Bezirken &#8211; selbst bei Zahlungsbereitschaft, die notwendige Mittel in die Kassen sp\u00fclen w\u00fcrde &#8211; keine Hallenzeiten. Angebot und Nachfrage gehen nicht Hand in Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folge: Sportarten wie Pickleball (die n\u00e4chste sich schnell verbreitende Racket-Sportart) oder Floorball k\u00f6nnen vielerorts trotz massiv engagierter Zielgruppen nicht optimal wachsen, weil sie keinen Zugang zur Sportinfrastruktur erhalten &#8211; anders als der lokale Handballverein, dessen Mitgliederzahlen aufgrund vermotteter Vereinsarbeit dahinsiechen und der gesch\u00fctzt von \u00fcberforderten (nicht selten auch zu gut befreundeten) \u00c4mtern, Hallenzeiten nachgeschmissen bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie mit seiner schwachen sozialen Mobilit\u00e4t (Auf- oder Abstieg im gesellschaftlichen Status) hat Deutschland deshalb auch mit einer arg begrenzten Mobilit\u00e4t von Trendsportarten innerhalb seines Sportsystems zu k\u00e4mpfen. W\u00e4hrend sich im Ausland der Vereinssport in einem direkten Wettbewerb mit neuen Konzepten behaupten muss (Aufnahme ins Schulprogramm, Zugriff auf Sportinfrastruktur, F\u00f6rderprogramme f\u00fcr Events und Weiterbildungen etc.), besteht man in hierzulande immer noch auf einer viel zu strikten Trennung anerkannter Disziplinen und jener, die sich erst noch \u201cbeweisen\u201d m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zeit f\u00fcr neue Strukturen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Doch dieses Konzept paralysiert die Sportentwicklung, bremst Deutschlands Konkurrenzf\u00e4higkeit in zuk\u00fcnftig relevanten Disziplinen und entspricht l\u00e4ngst nicht mehr den Notwendigkeiten und Chancen unserer Zeit. Der Sport muss endlich lernen, die Vorteile aller Welten zu kombinieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Erfolgreiche, nachgefragte Sportarten, deren Wachstum beispielsweise nicht in ihrer f\u00f6deralen Verbreitung oder in einer strikten regionalen Organisation begr\u00fcndet liegt, m\u00fcssen eine neue Form der Integration erfahren. Denn nur so, k\u00f6nnen sie in einem zweiten Schritt eine umso erfolgreichere und stabilere Verbandsstruktur entwickeln (wollen).<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ist der Padel-Sport im Deutschen Tennis Bund angesiedelt, was international eher eine Seltenheit darstellt, aber auch in Frankreich, Katar oder Tunesien so praktiziert wird. Zu gro\u00df ist vermutlich die Angst, dass die junge, agilere Alternative den Altverband ausbluten lassen k\u00f6nnte. Dass eine solche (zun\u00e4chst f\u00fcr beide Disziplinen g\u00fcnstige) Zweckgemeinschaft aber selten lange h\u00e4lt, beweisen andere Sportarten wie Snowboard, Volleyball, Taekwondo, Floorball.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch ohne sich neue Sportarten einzuverleiben, k\u00f6nnen traditionelle Verb\u00e4nde von ihnen lernen sollten es auch tun &#8211; m\u00f6chten sie in dieser Phase nicht wortw\u00f6rtlich das Spielfeld dem Trendsport \u00fcberlassen. Schlie\u00dflich ist es gar nicht so schwierig. Man muss nur ein bisschen loslassen k\u00f6nnen. Erst Einzelbuchung, dann Abo, sp\u00e4ter Vereinsmitgliedschaft. Erst dezentrale Events, vereinfachtes Regelwerk, dann Ligen, sp\u00e4ter Verbandsstrukturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00fcbliches Hindernis sind \u00fcberalterte Vereins- und Verbandsvorst\u00e4nde, die eher auf der Bewahrung als auf der Weitergabe des Feuers beharren. Sie f\u00fcrchten Kontrollverluste, tragen ihre verstaubte Satzung wie eine Monstranz vor sich her und werden ihre gewohnte Ordnung (und Machtf\u00fclle) bis zum Ende ihrer Zeit verteidigen. Gut, dass sie gemeinn\u00fctzigen Vereinen vorstehen, deren Mitglieder in Mehrheit entscheiden k\u00f6nnen, ob und wie sich Dinge \u00e4ndern sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Playtomisierung des Sports ist kein Kulturkampf. Sie ersetzt und erg\u00e4nzt nur eingefahrene mit effizienteren, leichteren Prozessen. Den Brief mit einem Faxger\u00e4t mit einer Email mit einer App. Sie kommt nicht ohne Fehler und auch nicht ohne Kosten. Aber wenn geschickt umgesetzt, schafft sie Zugeh\u00f6rigkeit ohne zu \u00fcberfordern, Gemeinschaft ohne zu fesseln, und \u00f6ffnet den Sport vielen, auf die wir sonst verzichten m\u00fcssten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer Playtomic oder Urban Sports Club als zwingende Konkurrenz zum Verbandssport versteht, sollte neu denken. 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