Die Playtomisierung des Sports

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Wer Playtomic oder Urban Sports Club als zwingende Konkurrenz zum Verbandssport versteht, sollte neu denken. Ein Zulieferer neuer Mitglieder sind solche Plattformen aber ebenso wenig. Und jetzt?

  • Playtomic & Co. haben sich als Betriebssystem ganzer Sportarten etabliert, beispielhaft für einen neuen, selbstverwalteten Breitensport.
  • Solche alternative Spielwiesen schaffen eine niedrigschwellige Vorstufe, von der der Verbandssport profitieren kann – es aber noch nicht tut.
  • Überholte Verbandsstrukturen und eine verkrustete Bürokratie erschweren den Wandel zu einem flexibleren Sportsystem.

Die Freude beim DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) ist groß. Zum ersten Mal knackt der Verband die Marke von 29 Millionen Mitgliedern, organisiert in rund 86.000 Sportvereinen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist der Zulauf groß: Die Mitgliedschaften stiegen bei den Unter-7-Jährigen um 4,1 % und bei den 7- bis 14-Jährigen sogar um 4,58 %, Wartelisten für beliebte Sportarten werden immer länger. Der “Corona-Kollaps” scheint längst überwunden, die abnehmende Bedeutung von Vereinssport nur ein Märchen zu sein.

Doch auch kommerzielle, digitale Plattformen, die sich bewusst auf die Vermittlung vereinsunabhängiger Sportangebote fokussieren, wachsen stark – etwa ClasspassUrban Sports ClubJugad und vor allem Playtomic. Letzteres, weiterbefeuert von der jüngsten Investition von 65 Millionen EUR, verzeichnete 2024 eigenen Angaben nach ein Umsatzplus von 40 % (insgesamt 240 Millionen Euro) bei mittlerweile 6.000 teilnehmenden Sportanlagen und monatlich 1,5 Millionen aktiven Spielern.

Die spanische App, die sich bislang nur auf Racket-Sportarten spezialisiert, profitiert dabei vor allem von der zunehmenden globalen Popularität von Padel: Während Tennishallen abgebaut werden, eröffnen jeden Tag neun neue Padel-Klubs, Ende 2024 waren es bereits knapp 16.000 weltweit, 26 % mehr als im Vorjahr.

Playtomic hat sich als eine Art “Betriebssystem” dieser Disziplin etabliert, beispielhaft für einen neuen, selbstverwalteten Breitensport: Mitspieler suchen und finden, Spielergebnisse eintragen, Courts buchen und die Bezahlung unter allen Spielern splitten (Playtomic verdient an jeder Überweisung sowie mit Premium-Konten), Messaging und sogar ein Algorithmus, der hilft, die Spielstärke von Nutzern einzuschätzen, um so ausgewogene Paarungen anzusetzen. Wer im Padelsport unterwegs ist, egal ob als Courtbetreiber oder Aktiver, kommt an Playtomic nicht mehr vorbei.

Also was nun? Ist der Vereinssport stärker als je zuvor oder doch unter Beschuss durch unverbindliche, von Investoren fitgespritzte Angebote?

Beides und weder noch.

Andere Logik des Wachstums

Zunächst einmal unterscheidet sich das Verhalten von Aktiven immer noch stark von Sport zu Sport. Vereinfacht gesagt, je komplexer die Organisation des Sportbetriebs, je anspruchsvoller die physische Infrastruktur und je größer die benötigte Zahl der Aktiven, desto stabiler das konventionelle Vereinsmodell. Noch.

Darüberhinaus zeichnet sich nämlich ab, dass alternative Spielwiesen wie Playtomic eine neue niedrigschwellige Vorstufe zum organisierten Sport schaffen und dass insbesondere junge Aktive (die nicht mehr von ihren Eltern in Vereinen angemeldet werden) sowie auch ältere, wohl situierte Freizeitsportler immer stärker zu unverbindlichen Angeboten tendieren.

Die Logik: Um eine organisierte Sportart betreiben zu können, muss man in den meisten traditionellen Disziplinen – nach ein, zwei Schnupperterminen – Mitglied in einem Verein werden. Für viele Menschen (etwa jene, denen sportliches oder soziales Selbstbewusstsein fehlt oder die in ihrer Lebenssituation verbindliche Gruppendynamiken scheuen) ist dies aber eine Hürde, die sie nicht nehmen möchten. In Folge dessen nehmen sie Sport gar nicht auf oder wenden sich Alternativen zu. Haben sie die Möglichkeit, mittels flexiblerer Angebote in eine Sportart geduldig “hineinzuwachsen”, ist es hingegen deutlich wahrscheinlicher, dass sie sich in einer späteren Phase doch noch an einen Verein binden.

Traditionelle Verbände und Vereine sollten und müssen deshalb ihren bisherigen “Konversionspfad” (also den Weg, den Sportlerinnen und Sportler vom ersten Kontakt bis hin zur Mitgliedschaft durchwandern) neu denken – vielleicht sogar das Prinzip der Mitgliedschaft als solche.

Die Grenzen des Systems

Im Weg stehen ihnen dabei nicht nur Gewohnheiten und die Bequemlichkeit ihrer Bedenkenträger. Auch die bestehenden legislativen Rahmenbedingungen und eine verkrusteten Bürokratie in den beteiligten Sportämtern erschwert einen solchen Wandel.

Seit der Bildung erster Sportorganisationen Mitte des 19. Jahrhunderts dienten Verbände und ihre Vereine primär zur Organisation und Verwaltung von Trainings- und Spielbetrieben sowie zur Verbreitung jeweiliger Sportarten – eine Funktion die in ihrer bisherigen Form an Bedeutung verliert. Als Erbe dieser Zeit genießen solche Organisationen heute aber weiterhin einen rechtlichen Sonderstatus, erfahren Förderungen und Steuervergünstigungen und erhalten oft exklusiven Zugang zu öffentlicher Sportinfrastruktur. In der Regel (wenn nicht als professionelle Vereine ausgegründet) müssen sie dafür eine formale Gemeinnützigkeit vorweisen und einem teils nachvollziehbaren, teils aber längst überholten Regelkorsett folgen.

Tatsächlich hat dieses Prinzip gute Gründe: Warum sollte der Staat Organisationen mit Steuergeld unterstützen, deren Betreiber erwirtschaftete Gewinne in die eigene Tasche stecken? Dieselbe Frage kann man sich auch bei milliardenschweren Staatssubventionen für klimaschädliche Industrien stellen, aber das ist ein anderes Thema.

Auch gilt eine Anerkennung der Gemeinnützigkeit indirekt als Gütesiegel. Um beim Beispiel zu bleiben: Vor Kurzem stellte Playtomic ein Crowdfunding-Programm vor, über das Fans und Nutzer in die App investieren können. Da Playtomic in der Vergangenheit bereits reichlich Investorengeld eingesammelt und sogar eine Reihe lokaler Konkurrenz-Apps aufgekauft hatte, lässt sich der Bedarf für Crowdfunding nicht ganz nachvollziehen (Empfehlung: Doppelgänger-Podcast). Will man seine Fans noch mehr motivieren, die App zu streuen? Wird das Geld knapp? Gemeinnützige Vereine müssen ihre Bücher offenlegen und sind Ämtern und auch ihren Mitgliedern absolute Transparenz schuldig. Plötzlich vergleicht man Äpfel mit Birnen.

Gleichzeitig stellt das bestehende System aber auch Anforderungen, die aus der Zeit gefallen scheinen:

Um beispielsweise als junge Sportart Mitglied im DOSB zu werden (und so weiter zum Wachstum der 29 Millionen Mitglieder beizutragen) muss sie mindestens in der Hälfte, also in acht der sechzehn Landessportbünde Mitglied sein. Das bindet Aufmerksamkeit und Personal, die woanders tauglicher sein könnten. Ein Tribut an ein im digitalen Zeitalter zu überdenkendes föderales Sportsystem. Ein anderes Beispiel: Ohne ein in einem Landesverband aufgenommener Verein zu sein, im Idealfall mit einer gewissen Historie, erhalten Sportgruppen in vielen Kommunen oder Bezirken – selbst bei Zahlungsbereitschaft, die notwendige Mittel in die Kassen spülen würde – keine Hallenzeiten. Angebot und Nachfrage gehen nicht Hand in Hand.

Die Folge: Sportarten wie Pickleball (die nächste sich schnell verbreitende Racket-Sportart) oder Floorball können vielerorts trotz massiv engagierter Zielgruppen nicht optimal wachsen, weil sie keinen Zugang zur Sportinfrastruktur erhalten – anders als der lokale Handballverein, dessen Mitgliederzahlen aufgrund vermotteter Vereinsarbeit dahinsiechen und der geschützt von überforderten (nicht selten auch zu gut befreundeten) Ämtern, Hallenzeiten nachgeschmissen bekommt.

Ähnlich wie mit seiner schwachen sozialen Mobilität (Auf- oder Abstieg im gesellschaftlichen Status) hat Deutschland deshalb auch mit einer arg begrenzten Mobilität von Trendsportarten innerhalb seines Sportsystems zu kämpfen. Während sich im Ausland der Vereinssport in einem direkten Wettbewerb mit neuen Konzepten behaupten muss (Aufnahme ins Schulprogramm, Zugriff auf Sportinfrastruktur, Förderprogramme für Events und Weiterbildungen etc.), besteht man in hierzulande immer noch auf einer viel zu strikten Trennung anerkannter Disziplinen und jener, die sich erst noch “beweisen” müssen.

Zeit für neue Strukturen

Doch dieses Konzept paralysiert die Sportentwicklung, bremst Deutschlands Konkurrenzfähigkeit in zukünftig relevanten Disziplinen und entspricht längst nicht mehr den Notwendigkeiten und Chancen unserer Zeit. Der Sport muss endlich lernen, die Vorteile aller Welten zu kombinieren.

Erfolgreiche, nachgefragte Sportarten, deren Wachstum beispielsweise nicht in ihrer föderalen Verbreitung oder in einer strikten regionalen Organisation begründet liegt, müssen eine neue Form der Integration erfahren. Denn nur so, können sie in einem zweiten Schritt eine umso erfolgreichere und stabilere Verbandsstruktur entwickeln (wollen).

Noch ist der Padel-Sport im Deutschen Tennis Bund angesiedelt, was international eher eine Seltenheit darstellt, aber auch in Frankreich, Katar oder Tunesien so praktiziert wird. Zu groß ist vermutlich die Angst, dass die junge, agilere Alternative den Altverband ausbluten lassen könnte. Dass eine solche (zunächst für beide Disziplinen günstige) Zweckgemeinschaft aber selten lange hält, beweisen andere Sportarten wie Snowboard, Volleyball, Taekwondo, Floorball.

Aber auch ohne sich neue Sportarten einzuverleiben, können traditionelle Verbände von ihnen lernen sollten es auch tun – möchten sie in dieser Phase nicht wortwörtlich das Spielfeld dem Trendsport überlassen. Schließlich ist es gar nicht so schwierig. Man muss nur ein bisschen loslassen können. Erst Einzelbuchung, dann Abo, später Vereinsmitgliedschaft. Erst dezentrale Events, vereinfachtes Regelwerk, dann Ligen, später Verbandsstrukturen.

Ein übliches Hindernis sind überalterte Vereins- und Verbandsvorstände, die eher auf der Bewahrung als auf der Weitergabe des Feuers beharren. Sie fürchten Kontrollverluste, tragen ihre verstaubte Satzung wie eine Monstranz vor sich her und werden ihre gewohnte Ordnung (und Machtfülle) bis zum Ende ihrer Zeit verteidigen. Gut, dass sie gemeinnützigen Vereinen vorstehen, deren Mitglieder in Mehrheit entscheiden können, ob und wie sich Dinge ändern sollen.

Die Playtomisierung des Sports ist kein Kulturkampf. Sie ersetzt und ergänzt nur eingefahrene mit effizienteren, leichteren Prozessen. Den Brief mit einem Faxgerät mit einer Email mit einer App. Sie kommt nicht ohne Fehler und auch nicht ohne Kosten. Aber wenn geschickt umgesetzt, schafft sie Zugehörigkeit ohne zu überfordern, Gemeinschaft ohne zu fesseln, und öffnet den Sport vielen, auf die wir sonst verzichten müssten.

Blendender Glanz

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