Was Sport den Körper wirklich kostet

Erhöhtes Krebsrisiko bei Marathonläufern? Kürzere Lebensdauer von Olympioniken? Der gestählte Körper von Spitzenathleten stand seit jeher für eine gesunde Lebensweise. Das ändert sich gerade.
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Bewegung schützt Herz und Kreislauf, stabilisiert den Stoffwechsel, senkt das Risiko für viele chronische Erkrankungen, verbessert Stimmung, Schlaf und Lebensqualität. An dieser Wahrheit wird sich so schnell nicht ändern. Sie gehört zu den wenigen Interventionen, die jede medizinische Leitlinie empfiehlt. Doch je genauer wir den menschlichen Körper vermessen können, desto klarer wird auch die andere Seite: Wie bei jedem wirksamen Medikament entscheidet die Dosis, die Dauer, die Technik, die Umgebung und die individuelle Vorgeschichte darüber, ob er heilt oder schadet.

Was ist der „Runner’s Gut“?

Die jüngste Meldung, die diese Ambivalenz auf den Punkt bringt, kommt ausgerechnet aus einer Disziplin, die lange als Inbegriff des gesunden Lebensstils galt: dem Marathonlaufen. Eine vorläufige Studie um den Onkologen Timothy Cannon untersuchte 94 Läuferinnen und Läufer im Alter von 35 bis 50 Jahren, die mindestens fünf Marathons oder zwei Ultramarathons absolviert hatten. Bei Koloskopien wurden auffällig häufig Darmpolypen gefunden, darunter auch größere Polypen, die als Vorstufen von Darmkrebs gelten können. Ausgelöst wurde die Untersuchung durch mehrere ungewöhnlich junge Darmkrebspatienten, die zugleich sehr ambitionierte Ausdauerläufer waren.

Das ist noch kein Beweis, dass Marathonlaufen Darmkrebs verursacht. Die Studie hatte keine Kontrollgruppe aus Nichtläufern, die Stichprobe war klein, und regelmäßige Bewegung gilt insgesamt weiterhin als Schutzfaktor gegen Darmkrebs. Aber genau deshalb ist der Befund so interessant: Er zwingt uns, zwischen „Bewegung“ und „extremer Belastung“ zu unterscheiden. Was dem Körper in moderater Dosis hilft, kann in exzessiver Dosis andere Mechanismen auslösen. Cannon und andere Forschende diskutieren unter anderem die sogenannte „Runner’s gut“-Problematik: Bei sehr langen und intensiven Läufen wird Blut aus dem Verdauungstrakt in die arbeitende Muskulatur umverteilt. Die Darmschleimhaut kann vorübergehend schlechter durchblutet werden, die Darmbarriere wird durchlässiger, Entzündungsprozesse und Mikroverletzungen können entstehen. Viele Läufer kennen gastrointestinale Beschwerden nach Wettkämpfen, von Übelkeit bis Blut im Stuhl. Die neue Frage lautet: Sind diese akuten Symptome bei manchen Menschen nur die sichtbare Spitze eines langfristigen Risikos?

Risiko Olympia?

Dass Leistung und Gesundheit nicht automatisch zusammenfallen, ist keine neue Erkenntnis. Neu ist eher, wie präzise wir beginnen, diese Kosten zu messen. 2020 veröffentlichte der Sportwissenschaftler Lutz Thieme die Studie „Jung stirbt, wen die Götter lieben?“ über die Mortalität deutscher Olympiateilnehmerinnen und -teilnehmer. Thieme untersuchte 6.000 deutsche Olympioniken der Jahre 1956 bis 2016 und verglich ihre Sterblichkeit mit der jeweiligen Gesamtbevölkerung. Das Ergebnis widersprach dem romantischen Bild des Spitzensports als Königsweg zu einem langen Leben. In mehreren Alters- und Zeitgruppen lag die standardisierte Mortalitätsrate von Olympiateilnehmern über derjenigen der Vergleichsbevölkerung. Besonders auffällig: In der jüngeren Vergangenheit stiegen die relativen Risiken in jüngeren Altersgruppen.

Noch provokanter ist Thiemes Befund zum Erfolg selbst. In seinem Modell war die Anzahl gewonnener Medaillen ein signifikanter Risikofaktor. Im Interview mit dem Magazin brand eins formulierte er die These so: Mit zunehmendem Erfolg sinke die Überlebenswahrscheinlichkeit. Goldmedaillengewinner hätten ein höheres Risiko, früher zu sterben als Silbermedaillengewinner. Denn, wer Gold gewinnt, trainiert womöglich länger, härter und kompromissloser. Der Körper wird häufiger an Grenzen geführt, Regeneration wird öfter der Leistung untergeordnet. Hinzu kommt die Möglichkeit, dass extrem erfolgreiche Athleten eher bereit sind, medizinische, ethische oder dopingbezogene Risiken in Kauf zu nehmen. Ebenso denkbar ist eine Selektion: Vielleicht zieht Spitzensport Menschen an, die ohnehin risikobereiter sind, Schmerzen stärker ignorieren und Warnsignale des Körpers seltener akzeptieren. Hinzu kommt die mentale Falltiefe nach einer besonders erfolgreichen Sportkarriere. Die psychologische Belastung des nun ausbleibenden Erfolgs kann in Depressionen und physischen Krankheiten münden.

Interessant ist auch, dass die einfache Ost-West-Erzählung nicht trägt. Aufgrund der Geschichte des DDR-Staatsdopings könnte man vermuten, dass ehemalige DDR-Olympioniken in den Daten grundsätzlich schlechter abschneiden als westdeutsche Olympioniken. Thieme fand jedoch kein solches Muster. Im Gegenteil: In mehreren Vergleichen deuteten die Daten eher auf ein höheres Mortalitätsrisiko westdeutscher Olympiateilnehmer hin. Das bedeutet nicht, dass Doping harmlos war; die Langzeitschäden von Anabolika und anderen Substanzen sind gut dokumentiert. Aber es zeigt, dass die gesundheitlichen Kosten des Spitzensports nicht allein mit dem System DDR erklärt werden können. Sie liegen tiefer. In Trainingsvolumina, Wettkampfdruck, Selektion, Verletzungsmanagement, Schmerzmittelkultur, Gewichtsklassen, Essverhalten, Karriereübergängen und einer Logik, in der der Körper oft unbarmherzig auf ein einzelnes Ziel hin optimiert wird.

Genau daraus folgt eine unbequeme Konsequenz: Wenn wir mehr über die Schäden des Sports wissen, müssen wir auch seine Regeln verändern. Schließlich sind diese keine unverrückbaren Naturgesetze, sondern künstliche Vorgaben, formuliert in einer Zeit, in der es die Abkürzung MRT noch nicht gab. In immer mehr Sportarten lässt sich endlich beobachten, wie ihre Regelwerk unter dem Druck medizinischer Erkenntnisse in Bewegung gerät.

Kopfverletzungen immer noch Tabu

Das prominenteste Beispiel ist American Football. Lange hatte die NFL Gehirnerschütterungen als Teil des Spiels bagatellisiert. Erst 2002 konnte der Neuropathologe Bennet Omalu am verstorbenen Offensive-Lineman Mike Webster Beweise für jene Kondition entdecken, die wir später als Chronisch Traumatische Enzephalopathie (CTE) bezeichnen würden. Erst durch solche Befunde, Klagen ehemaliger Spieler und die öffentliche Debatte um CTE, würden Spitzenvertreter des Sport einräumen, dass wiederholte Kopfbelastungen nicht nur kurzfristige Ausfälle, sondern langfristige neurodegenerative Folgen haben können. Heute versucht die NFL, das Risiko auf mehreren Ebenen zu reduzieren: durch strenge Concussion Protocols, unabhängige neurotraumatologische Beobachter, Einschränkungen bei Kontakt im Training, neue Helmstandards, die Verwendung von Guardian Caps, Änderungen bei Tackling-Techniken, Strafen gegen die gefährliche Nutzung des Helms, KI-Analysen von Kontaktsituation, und Regeländerungen bei besonders riskanten Spielsituationen wie Kickoffs oder Hip-Drop-Tackles.

Doch gerade Hirnschäden sind ein besonders sensibles Thema, weil sie nicht nur Profis, sondern auch Kinder betreffen können. Im Fußball ist der Kopfball deshalb längst keine harmlose Technikfrage mehr, sondern ein medizinisches, pädagogisches und kulturelles Streitthema. In mehreren Ländern gibt es Verbote oder deutliche Einschränkungen für Kopfbälle im Kinderfußball. Die USA haben Kopfbälle für Kinder jünger als 11 Jahre verboten, England und Schottland haben Regeln für Training und Nachwuchs verschärft, und internationale Regelhüter testen Beschränkungen des absichtlichen Kopfballspiels im Kinderbereich.

So wie die NHL im Eishockey, versucht der DFB in Deutschland die mit Hirnverletzungen verwandten Risiken eher wegzumoderieren. Er setzt nicht auf ein kategorisches Kopfballverbot, sondern auf altersgerechte Belastungssteuerung. Der Verband empfiehlt leichtere Bälle, niedrigeren Balldruck, kleinere Spielformen, weniger hohe Bälle, weniger Wiederholungen im Training und eine entsprechende Schulung von Trainerinnen und Trainern. Neuen Kinderfußball-Spielformen sollen Kopfballsituationen in den jüngsten Altersklassen reduzieren.

Endlich richtig hingesehen

Die gleiche Logik gilt für Sportarten, die gar nicht nach Hochrisiko aussehen. Pickleball etwa gilt als freundlich, sozial, niedrigschwellig, altersgerecht. Ein Rückschlagsport, der perfekt in den Zeitgeist passt und vor allem in den USA zur Pandemie-Zeit Millionen älterer Menschen neu einsteigen ließ. Doch der unkoordinierte Boom brachte Risiken mit sich. Eine UBS-Schätzung, über die Forbes berichtete, bezifferte die jährlichen Gesundheitskosten durch Pickleball-Verletzungen in den USA auf annähernd 400 Millionen Dollar. Ein älterer, untrainierter Körper profitiert enorm von Bewegung, aber er wird durch abrupte Stopps, Drehungen, Rückwärtslaufen schnell überlastet. Der Schaden entsteht hier nicht durch kompromisslosen Spitzensport, sondern durch einen besonders einfachen, nicht betreuten Einstieg und einen unterschätzten biomechanischen Anspruch.

Das Muster wiederholt sich in vielen Sportarten: Wir entdecken Risiken nicht, weil Sport plötzlich gefährlicher geworden ist, sondern weil unsere Messinstrumente besser werden und weil wir genauer hinsehen. Bei Ausdauersportlern wird seit Jahren über ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern diskutiert, besonders bei Männern mit jahrelangem sehr hohen Trainingsumfang. Das Herz passt sich an Belastung an; meist ist das gesund. Aber extreme Dauerbelastung kann bei manchen Athleten strukturelle und elektrische Veränderungen begünstigen, die Rhythmusstörungen wahrscheinlicher machen.

Im Laufsport und Triathlon kennen wir außerdem die sog. „Exercise-Associated Hyponatremia“, eine gefährliche Verdünnung des Natriums im Blut, die entstehen kann, wenn Athleten bei langen Wettkämpfen zu viel Wasser trinken (weniger als 135 mmol/l binnen 24 Stunden). Jahrzehntelang lautete die Botschaft: Trinken, bevor der Durst kommt. Heute weiß man, dass diese Empfehlung in Extremsituationen selbst riskant sein kann. Erfahrene Athletinnen und Athleten achten deshalb auf Trinkstrategien nach Durstgefühl, medizinische Protokolle und mehr Aufmerksamkeit für Symptome wie Verwirrtheit, Kopfschmerzen oder Krampfanfälle.

Ein weiteres Problem ist REDs (Relative Energy Deficiency in Sport), ein Zustand, in dem Sportlerinnen und Sportler über eine längere Zeit zu wenig Energie aufnehmen im Verhältnis zu dem, was Training und Wettkampf verbrauchen. Früher sprach man vor allem von der „Female Athlete Triad“ aus Essstörung, Zyklusstörung und Knochendichteverlust. Heute ist klar: Das Problem betrifft nicht nur Frauen, sondern in angepasster Form auch Männer, insbesondere in Ausdauer- und Ästhetiksportarten, aber auch beeinflusst durch Gewichtsklassen und Teamsportdynamiken. REDs kann Hormone, Knochen, Immunsystem, Stoffwechsel, Psyche und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Der körperliche Schaden entsteht so durch eine systematische Unterversorgung, die Leistung kurzfristig steigen lässt, die Gesundheit aber langfristig schädigt.

Die Dosis macht das Gift

Hinzu kommen die klassischen, aber oft unterschätzten Langzeitfolgen am Bewegungsapparat, etwa durch sich ständig wiederholende Lateralbewegungen, oft verstärkt durch harten Boden. Knie, Hüften, Sprunggelenke und Wirbelsäule sind nicht dafür gemacht, endlos wiederholte Maximalbelastungen schadlos zu speichern. Studien zu ehemaligen Profifußballern zeigen erhöhte Risiken für Kniearthrose, Meniskusverletzungen und Gelenkersatz. Auch in anderen Sportarten hängt das Arthroserisiko stark davon ab, ob frühere Verletzungen, hohe Trainingsumfänge und repetitive Stoß- oder Drehbewegungen zusammenkommen.

Die Frage nach der richtigen Aktivität lautet somit: Welcher Sport, für welchen Körper, in welchem Alter, mit welcher Technik, welcher Vorgeschichte, welcher Regeneration, welcher Ernährung und in welcher Umgebung?

Gerade Letzteres erfährt bislang nur wenig Aufmerksamkeit, betrifft aber die meisten. Höhere Temperaturen und ein anspruchsvolleres Klima verändern erhöhen massiv den physischen Anspruch. Der Körper muss Blut zur Haut schicken, um Wärme abzugeben, während Muskeln, Herz und Gehirn weiter versorgt werden sollen. Dehydrierung, Hitzekollaps, Hitzschlag und Leistungsabfall werden wahrscheinlicher. Bei Ausdauerevents, Jugendturnieren, Fußballspielen auf Kunstrasen, Tennis-Matches in der Mittagshitze oder Triathlons in warmem Wasser wird die Umwelt selbst zum Risikofaktor. Sportverbände werden deshalb häufiger über Startzeiten, Trink- und Kühlzonen, Wet-Bulb-Globe-Temperature-Grenzen, Pausenregeln, Abbruchkriterien und Ausrüstung nachdenken müssen.

Die meisten der beschriebenen Konditionen lassen sich mit gesundem Menschenverstand nachvollziehen. Unserem Körper tun besonders jene Dinge gut, für die er von Natur aus ausgestattet wurde. Unnatürliche (Über-)Lastungen schädigen ihn. So weit, so klar. Aber viele Wahrheiten liegen im Ungefähren und zahlreiche Gefahren lassen sich aus unserem Alltag nur schlecht verbannen: Betonböden, Fehlstellungen durch Büroarbeit, Sportarten, die uns zwar Freude bereiten, aber unseren Körper herausfordern.

Immer erschwinglichere Instrumente und Verfahren wie Wearables, Biomarker, bildgebende Verfahren, genetische Risikoprofile, digitale Zwillinge, Belastungsmonitoring und langfristige Gesundheitsdaten werden uns helfen, die Kosten von Sport besser zu verstehen. Nicht nur Verletzungen wie Kreuzbandriss, Gehirnerschütterung, Ermüdungsbruch, sondern auch lange unscheinbare Kosten: chronische Entzündungen, hormonelle Dysregulation, neuronale Mikrotraumata, kardiale Umbauprozesse, Darmbarriere-Störungen, verschleißte Gelenke.

Durch den demographischen Wandel wird die Bedeutung insbesondere von Breiten- und Therapiesport massiv anwachsen. Gesundheits- und Sozialsysteme werden ohne die richtigen Aktivitäten zusammenbrechen. Um so wichtiger wird es sein, die Wirkung von Sport richtig einschätzen zu können. Ein erster Schritt ist die Illusion zu beenden, dass Sport alleine deshalb gesund ist, nur weil er Sport ist.


Quellen: https://www.washingtonpost.com/wellness/2026/05/21/marathons-ultramarathons-may-be-linked-colon-cancer-heres-why, https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2020/leistung/es-gibt-leistungssportler-die-bereit-sind-ein-kuerzeres-leben-in-kauf-zu-nehmen, https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/kopfball-fussball-kinder-100.html, https://www.dfb.de/content/kopfballspiel, https://www.forbes.com/sites/mollybohannon/2023/06/26/pickleball-injuries-cost-americans-nearly-400-million-this-year—and-seniors-are-hit-hardest/, https://www.nbcnewyork.com/news/sports/nfl/guardian-caps-nfl-concussion-reducing-helmet-explained/6351989/, https://www.mdpi.com/2077-0383/13/24/7691, https://academic.oup.com/occmed/article/73/9/547/7467972

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