Warum dank KI weniger Talente in die Sportindustrie finden

Der Sport lebt von seiner Jugend – als Aktive, Kunden und günstige, wenn nicht sogar kostenlose Arbeitskräfte. Dank KI wird es für sie aber zunehmend schwerer einen Berufseinstieg zu finden.
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Das Dilemma ist schnell zusammengefasst: Früher hieß es, ein Praktikum bei der Agentur, ein Volontariat beim Verband, ein Jahr lang Pressemitteilungen redigieren, Statistiken pflegen, Reisen organisieren, dann kommt der nächste Schritt. Solche Aufgaben erledigen nun aber immer mehr Programme, die nie müde werden, keine Gehälter verlangen und dem Abteilungsleiter nicht „dumm mit Work-Life-Balance kommen“.

Was nur wie eine fortschreitende Optimierung der Arbeitsprozesse klingt, vielleicht sogar eine Lösung für den Mangel an Ehrenamtlichen, könnte früher als erwartet zu einem spürbaren Brain-Drain der Sportindustrie führen.

Das Nadelöhr wird kleiner

Dass Künstliche Intelligenz als erstes Routinejobs fressen würde, war absehbar gewesen. Doch damit verschwinden genau jene Einstiege, über die Generationen vor ihr ins Sportbusiness gelangten. Die erste Sprosse der Karriereleiter war nie komfortabel, aber sie war da. Wer sich bewährte, durfte hochklettern. Jetzt verschwindet diese Stufe – und irgendwann die zweite und später auch die dritte. Eine Stanford-Studie zeigt, dass in den am stärksten KI-gefährdeten Jobs die Zahl junger Berufseinsteiger seit 2022 (Launch von ChatGPT) um 13 Prozent sank – während Ältere im selben Bereich sogar zulegten. Den einfachen „Junior Job“ gibt es immer weniger. Der Einstieg wird zum Nadelöhr.


Junge Industrie: Laut Eurostat waren in der EU 1,6 Millionen Menschen im Sport beschäftigt, 0,8 % der Gesamtbevölkerung (0,6 % in Deutschland). Betrachte man die Beschäftigung nach Alter, so gehörten die meisten im Sport Beschäftigten zur Altersgruppe der 30- bis 64-Jährigen. Bemerkenswert ist, dass der Anteil der im Sport beschäftigten jungen Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren mehr als doppelt so hoch war wie der Anteil der Gesamtbeschäftigung, im Jahr 2024 trotz Wachstums der Gesamtzahlen aber zurückging.


Dazu kommt die vielleicht größte Absurdität des Sports: Seine glänzenden, milliardenschweren Statuen ruhen auf un(ter)bezahlten Fundamenten. In Deutschland engagieren sich knapp neun Millionen Menschen ehrenamtlich in Sportvereinen. In der Schweiz leisten 735.000 Freiwillige jährlich 73 Millionen Arbeitsstunden. Sport weckt derartige Leidenschaften, dass Jung wie Alt bereit sind, selbst für den allerschmalsten Taler zu arbeiten. Doch auch vermeintlich kostenlose Arbeitskräfte kosten Geld, in Ausstattung, in Betreuung. Kann der Abteilungsleiter mit einer App die Werkstudentin ersetzen, die die Mitgliederliste pflegt, wird er es tun – im Verein, ebenso wie in der Marketingagentur.

Versteckte Chancen?

Diesem Trend wirkt ein Schwund an Ehrenamtlichen in Verein und Verband entgegen. Jeder sechste Sportverein soll sich in seiner Existenz bedroht sehen. Die fortschreitende Automatisierung „einfacher Stellen“ dürfte hier zu Entlastungen führen – die Buchhaltung wird vereinfacht, der Spieltagsflyer mit zwei Klicks aktualisiert. Und sollte das Arbeitsangebot in der Sportindustrie wegfallen, finden jene Talente dann nicht vielleicht den Weg in die Vereine?

Mit Nichten und im Gegenteil.

Im Vereinssport fehlen die meisten Ehrenamtlichen auf sozialen also analogen Stellen – etwa als Übungsleiterinnen über Materialwärte. Außerdem ist hier zwischen echtem Berufseinstieg, Nebenjobs und Ehrenamt zu unterscheiden. Das eine ersetzt das andere nicht. Und finden junge Menschen keinen Job, geraten sie in prekäre Lebenslagen, bedeutet das noch weniger Freizeit, noch weniger Motivation, um sich auch ehrenamtlich zu engagieren. Wer heute jung ist, muss doppelt kämpfen – gegen Algorithmen und gegen Strukturen, die Nachwuchs nur als unbezahlte Ressource begreifen.

Rampen bauen

Echte Chancen verbergen sich aber in einer Kombination aus den Kompetenzen junger Menschen und des technologischen Fortschritts. Es ist für sie einfacher als je zuvor, eigene Projekte zu starten, eigene Sportgruppen, Sport-Apps, Events oder Unternehmen. Für die Sportindustrie kommt diese Entwicklung mit einem Beigeschmack. Denn überlässt sie diese Generation ihrem Schicksal, wird es sich heimzahlen. Denn nicht alle diese Projekte werden im Sport verankert sein – und schon gar nicht in den Strukturen föderal-verkrusteter Verbände.

„Professionelle Vereine und Verbände, Handel, Sportartikelhersteller, Agenturen, Event-Veranstalter – sie alle werden lernen müssen, Rampen zu bauen und sich als echte Ausbilder zu verstehen. Weniger sofortiger Gegenwert, mehr Investition in die eigene Zukunft.“

Dabei klagen Vereine (mehr ihre Mitglieder als Vorstände) seit Jahren über Überalterung, über fehlenden Nachwuchs. Doch auch dort, wo junge Leute Ideen und Kompetenzen einbringen könnten – bei Digitalisierung, Fanbindung, Vermarktung, bei neuen Angeboten für neue Zielgruppen – werden die Türen geschlossen. Die wenigen bezahlten Stellen werden reduziert und was bleibt, ist unbezahltes Ehrenamt – und eine Funktionärselite, die von der Beschleunigung der Zeit überfordert ist.

Professionelle Vereine und Verbände, Sportmarken, Handel, Agenturen, Event-Veranstalter – sie alle werden lernen müssen, Rampen zu bauen und sich als echte Ausbilder zu verstehen. Weniger sofortiger Gegenwert, mehr Investition in die eigene Zukunft. Ihr Nachwuchs wird nicht mehr in erster Linie dazu da sein, Druckerpatronen auszutauschen. Er wird früher und wirklicher in Arbeitsschritte integriert werden müssen, die er irgendwann in Eigenregie ausüben soll oder in denen seinen Vorgängern die Kompetenz fehlt. Statt nur überflüssige Stellen zu streichen, müssen neue entstehen, die den Talenten noch früher und noch mehr Verantwortung übertragen.

So gesehen, wird auch diese Herausforderung doch noch zu einer Chance.

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