Erlebt Gianni Infantino seinen Al-Capone-Moment?

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Al Capone überlebte die blutigen Revierkämpfe der Prohibitionszeit, das Valentinstag-Massaker und den geballten Druck der Strafverfolgungsbehörden. Zu Fall brachte ihn schließlich nicht der Mord, nicht die Gewalt, nicht die organisierte Kriminalität – sondern die vermeintlich profane Bürokratie einer Steuerhinterziehung.

Auch Gianni Infantino, der lange Zeit unangreifbar wirkende Präsident des Weltfußballs, könnte am Ende nicht über einen milliardenschweren Bestechungsskandal oder die geopolitischen Abgründe einer WM-Vergabe stürzen. Sondern über eine einzige Rote Karte, die plötzlich nicht mehr gelten sollte.

Missverständnis mit System

Als die FIFA überraschend eine selten genutzte Regelung bemühte, um die automatische Sperre des US-Stürmers Folarin Balogun nach einem direkten Anruf von Präsident Donald Trump auszusetzen, offenbarte sich ein tiefer kultureller und juristischer Graben zwischen den Vereinigten Staaten und dem Rest der Welt.

Für internationale Sportorganisationen und europäische Funktionäre war der Vorgang ein Skandal von kaum gekanntem Ausmaß. Die UEFA erklärte, die FIFA habe damit eine „rote Linie überschritten“. Belgische Vertreter reagierten mit offenem Entsetzen. In den USA dagegen blieb die Empörung erstaunlich überschaubar. Selbst unter Amerikanern, die Donald Trump entschieden ablehnen, überwog nicht der Zorn über präsidiale Einflussnahme, sondern ein pragmatisches Achselzucken.

Vielleicht aus Gewöhnung. In der amerikanischen Rechts- und Kulturtradition, die stark vom Common Law geprägt ist, werden Regeln aber oft ausgelegt, angefochten und mithilfe von Präzedenzfällen neu bewertet. Wer daran gewöhnt ist, hält die starre Anwendung einer Vorschrift oft für weniger wichtig als die vermeintliche Gerechtigkeit des Ergebnisses.

Wenn Baloguns Rote Karte nach jenem unglücklichen Zusammenstoß mit einem bosnischen Verteidiger als Fehlentscheidung des Schiedsrichters wahrgenommen wurde, ließ sich ein Eingriff von außen leicht als Korrektur eines „bad call“ rechtfertigen – womöglich sogar begrüßen.

Die überschrittene Linie

In weiten Teilen Europas und erst recht in der Zürcher FIFA-Zentrale gilt dagegen traditionell ein anderes Verständnis. Regeln erscheinen dort als verbindlich und absolut. Eine Rote Karte bedeutet eine automatische Sperre. Regel ist eigentlich Regel. Gerade ihre blinde, konsequente Anwendung soll die Integrität des Sports garantieren.

Aus Sicht der europäischen Machtzentren hat Gianni Infantino deshalb nicht bloß eine Vorschrift großzügig ausgelegt. Er hat den heiligen Vertrag des Spiels gebrochen.

Seit Jahrzehnten manövriert die FIFA durch einen Ozean von Skandalen. Es ging um illegalen Ticketverkauf, dubiose Marketingverträge, verdeckte Zahlungen und systematische Bestechung. Doch all diese Affären hatten eine Gemeinsamkeit: Sie spielten sich außerhalb der weißen Linien des Spielfelds ab.

Diese räumliche Trennung machte es den Verteidigern des Fußballs leicht, die Dinge voneinander abzukoppeln. Politik und Geld seien nun einmal schmutzig, hieß es dann. Die Fans sollten sich einfach auf den Sport konzentrieren.

Indem Infantino jedoch unmittelbar in eine Disziplinarentscheidung des Schiedsrichters eingriff, um den Wunsch eines Staatschefs zu erfüllen, riss er diese Brandschutzmauer ein. Er trug die Korruption direkt auf den Rasen.

Die Absurdität des Vorgangs wurde durch Trump selbst noch gesteigert. In einer höchst unterhaltsamen, mäandernden Pressekonferenz ignorierte der US-Präsident das übliche politische Drehbuch vollständig.

Statt eine gesichtswahrende Standarderklärung abzugeben – etwa, man habe sich nur allgemein unterhalten und selbstverständlich nichts verlangt –, prahlte Trump offen mit seinem Einfluss hinter den Kulissen. Er stellte die aufgehobene Sperre als Triumph seines eigenen Urteils über das starre Fußball-Regelwerk dar. Das Foul sei nicht einmal ein Vergehen gewesen, erklärte er sinngemäß.

Damit zerstörte er auch noch den letzten Rest jener glaubhaften Abstreitbarkeit, auf die Infantino womöglich gehofft hatte.

Struktureller Schaden

Beinahe ist es bedauerlich, dass Belgien die USA anschließend so klar mit 4:1 besiegte. Wären die Amerikaner dank eines Balogun-Tores weitergekommen, hätte sich der Skandal bis zur Weißglut gesteigert.

Der belgische Sieg bot den Verteidigern der FIFA dagegen einen bequemen Notausgang. Am Ende, so lautete ihre Argumentation, sei schließlich kein wirklicher Schaden entstanden. Die sportliche Integrität des Turniers sei gewahrt geblieben.

Doch für die europäischen Machtzentren des Fußballs ist der Schaden längst angerichtet.

Plötzlich gehen selbst jene auf Distanz, die Infantinos fragwürdige Herrschaft über Jahre mitgetragen haben. In Deutschland hat Bernd Neuendorf, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes und Mitglied des FIFA-Councils, angedeutet, die Angelegenheit nicht auf sich beruhen zu lassen.

Nach Belgiens Sieg dürfte Infantino den aktuellen Nachrichtenzyklus überstehen, ohne unmittelbar zum Rücktritt gezwungen zu werden. Doch der strukturelle Schaden für seine Präsidentschaft ist erheblich.

Zum ersten Mal seit Jahren scheint es möglich, dass die Schwergewichte des europäischen Fußballs tatsächlich ein gemeinsames Rückgrat entdecken, eine Allianz bilden und Infantino mit Nachdruck dazu bewegen könnten, 2027 doch nicht erneut zur Wahl anzutreten.

Sollte ihnen das gelingen, könnte die Geschichte festhalten, dass der mächtigste Mann des Sports nicht an einer gigantischen Finanzverschwörung scheiterte. Sondern an seinem arroganten Glauben, er könne eine Rote Karte verschwinden lassen, ohne dass es jemand bemerkt.

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