Warum Prediction Markets für den Sport gefährlicher sind als Wettbüros

Konventionelle Wettbüros pumpen nicht nur Milliarden an Sponsoringgeldern in den Sportmarkt, sondern unterstützen auch Manipulationen und Wettsucht. Prediction Markets können diese Gefahren massiv verstärken, wie Sportwetten auf Steroiden.
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Das Prinzip von Prediction Markets wie Kalshi oder Polymarket ist simpel: Statt Aktien von Adidas, Apple oder Tesla kauft man Anteile an möglichen zukünftigen Ereignissen: Wird Deutschland Weltmeister? Wechselt ein NBA-Star den Verein? Sagt ein Kommentator während der Übertragung ein bestimmtes Wort? Eine Frage wird auf Ja oder Nein reduziert.

Wer glaubt, dass Deutschland Weltmeister wird, kauft ein Ja-Zertifikat. Kostet dieses fünf Cent, sagt die Schwarmintelligenz des Marktes, die Wahrscheinlichkeit liegt bei fünf Prozent. Tritt das Ereignis ein, zahlt der Kontrakt einen Dollar aus. Tritt es nicht ein, ist er wertlos. Der entscheidende Unterschied zur klassischen Sportwette: Weil man nicht gegen Buchmacher wettet, sondern untereinander mit Zertifikaten handelt, muss man nicht bis zum Eintreffen oder Ausbleiben des Ereignisses warten. Spielt Deutschland im nächsten Spiel gut und der Preis des Ja-Kontrakts steigt von fünf auf zwanzig Cent, kann man verkaufen und fünfzehn Cent Gewinn machen – auch wenn Deutschland später doch scheitert.

Genau darin liegt die Faszination. Und genau darin liegt auch das Problem.

Prediction Markets sehen aus wie Wetten, tarnen sich aber als Börsen. Sie übernehmen die Sprache des Finanzsystems: Orderbuch, Liquidität, Market Maker, Arbitrage, Preisfindung. Alles viel seriöser, viel kalkulierter, viel kontrollierter? Mit Nichten.

Für Politik, Wirtschaft oder Wetter mag man darüber streiten, ob das eine nützliche neue Informationsinfrastruktur ist. CNN stellt in seinen Sendungen bereits Kursentwicklungen solcher Prediction Markets dar, weil sich diese in der Regel als deutlich verlässlicher beweisen als Umfragen. Sport erweist sich hingegen aber als bedeutend verletzlicher.

Milliarden aus dem Nichts

Die wichtigste Firma dieser Entwicklung ist Kalshi. Gegründet von Tarek Mansour und Luana Lopes Lara, zwei MIT-Absolventen, 30 und 29 Jahre alt, die innerhalb kürzester Zeit zu Symbolfiguren eines neuen Wettbooms heranwuchsen. Denn Kalshi wird in den USA rechtlich nicht als klassischer Wettanbieter behandelt, sondern als Plattform für sogenannte „Event Contracts“, also Ereignisverträge. Das ist mehr als eine juristische Nuance. Denn während Sportwetten in den USA traditionell streng und auf Ebene der Bundesstaaten reguliert werden, sind Finanzprodukte wie Aktien oder Futures Sache der Bundesregierung – die dann auch die resultierenden Steuern einstreicht. Dank dieser Freiheit wurde Kalshi zuletzt mit 20 Milliarden Dollar bewerten und schon wird über einen zeitnahen Börsengang spekuliert, bei doppelt so hoher Bewertung.

Der wichtigste Konkurrent heißt Polymarket. Eine etwas wildere, kryptonähere Variante der Idee, mit einem Umfeld aus Tech-Investoren, politischen Akteuren und jenen Figuren, die immer dort auftauchen, wo Deregulierung, Aufmerksamkeitsökonomie und schnelle Gewinne ineinandergreifen. Peter Thiels Founders Fund, Donald Trump Jr. und weitere Personen aus dem rechten politischen Vorfeld haben Polymarket zu einem Symbol libertär entfesselter Märkte gemacht.

Folgerichtig soll auch Meta an einer eigenen Prediction-Market-App namens Arena arbeiten. Zunächst offenbar nur mit Punkten statt echtem Geld, also als harmlosere Spielvariante. Natürlich glaubt niemand, dass sich Mark Zuckerberg – berüchtigt für das Abkupfern lukrativer Ideen – eine solche Chance entgehen lässt. Mit Facebook, Instagram und WhatsApp verschränkte Wettsysteme? Unbezahlbar.

Europa versucht sich bisher gegen diese Entwicklung zu stemmen. In Deutschland gelten Prediction Markets nicht einfach als innovative Finanzprodukte. Die BaFin soll bereits klargemacht haben, dass sie darin nicht automatisch Finanzinstrumente sieht. Auch die Glücksspielaufsicht schaut genau hin. Besonders sichtbar wurde das im Fall ADI Predictionstreet, einem Anbieter ursprünglich aus Abu-Dhabi, der den Weg nach Europa über Gibraltar sucht und als offizieller FIFA-Partner bei der Fußball-WM auftritt. Nach einem Verfahren der „Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder“ sperrte der Anbieter den Zugang für Nutzerinnen und Nutzer aus Deutschland.

Dennoch bleibt Regulierung im digitalen Raum nur eine durchlässige Membran. Sie kann bremsen, blockieren, abschrecken, kann den offiziellen Zugang erschweren. Ganz dicht wird sie aber nicht. VPNs, Offshore-Konten, Krypto-Wallets und Strohmänner ermöglichen es, nationale Verbote zu umgehen.

Brutaler als Wettbüros

Klassische Wettbüros sind für den Sport schon gefährlich genug. Sie schaffen Suchtanreize, normalisieren die permanente Bepreisung von Spielen und haben historisch immer wieder Match-Fixing, Insiderinformationen und korrupte Netzwerke begünstigt.

Aber sie besitzen wenigstens einige über viele Jahre hinweg entwickelte Bremsen. Buchmacher entscheiden, welche Märkte sie anbieten. Sie formulieren Wetten meist relativ klar. Sie begrenzen Einsätze. Sie schließen Märkte, wenn auffällige Bewegungen auftreten. Sie arbeiten mit offiziellen Datenquellen. Sie sind in regulierten Märkten identifizierbar, lizenzierbar und sanktionierbar. Das macht sie nicht harmlos. Aber es macht sie greifbarer.

Prediction Markets entfernen gleich mehrere dieser Bremsen gleichzeitig.

1. Zunächst erweitern sie den Begriff des Wettbaren. Beim klassischen Wettbüro geht es meist um Torschützen, Punktzahlen oder einzelne, standardisierte Ereignisse. Prediction Markets können theoretisch alles handelbar machen, was sich als Ja/Nein-Frage formulieren lässt. Wird ein Spieler wechseln? Wird ein Trainer entlassen? Wird ein Athlet in einem Interview ein bestimmtes Wort sagen? Wird ein Schiedsrichter eine bestimmte Entscheidung treffen? Wird ein Spieler in der ersten Halbzeit behandelt? Wird jemand beim Jubel sein Trikot ausziehen?

Je kleiner das Ereignis, desto einfacher ist es, es zu manipulieren. Ein ganzes Spiel zu verschieben ist schwierig. Eine gelbe Karte zu provozieren ist einfacher. Den Mund beim Gespräch mit dem Gegner auffällig zu verdecken, um einen Platzverweis zu kassieren, noch mehr. Dabei müssen aber nicht einmal sportliche Tatsachen geschaffen werden: Einen medizinischen Check hinauszuzögern oder bei einer Pressekonferenz eine bestimmte Formulierung fallen zu lassen, sind Handlungen, die für den Sport kaum relevant erscheinen, für einen Markt aber sehr wertvoll sein können.

2. Außerdem machen Prediction Markets Insiderwissen produktiver. Wer bei einem Wettbüro von einer Verletzung, einer Startaufstellung oder einer taktischen Entscheidung weiß, kann natürlich ebenfalls profitieren. Aber Buchmacher können Märkte schließen, Quoten unmittelbar anpassen, Limits setzen und verdächtige Muster melden. In dezentralen oder halbdezentralen Märkten ist die Reaktion oft träger.

3. Auch schaffen Prediction Markets ein neues Identitätsproblem. Klassische Sportwettenanbieter unterliegen in regulierten Märkten strengen Know-Your-Customer-Regeln. Blockchainbasierte Märkte versprechen dagegen oft gerade das Gegenteil: globale Zugänglichkeit, pseudonyme Wallets, schnelle Liquidität. Für den Sport ist das besonders toxisch. Denn wenn Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Physios, Analysten, Vereinsmitarbeiter, Agenten indirekt gegen sich selbst, ihre Mannschaft oder ihr Umfeld handeln können, entsteht ein Integritätsrisiko, das klassische Wettbüros zumindest leichter adressieren können.

4. Prediction Markets können viel größere und dynamischere Liquidität anziehen. Bei Buchmachern gibt es Limits. Bei liquiden Märkten können Whales, also große Händler, Millionen bewegen. Das verändert den Anreiz. Wo früher ein manipulierter Einwurf ein paar Tausend Euro wert war, kann ein perfekt getimter Mikro-Event in einem globalen Markt sehr viel mehr wert sein. Nicht jedes Spiel muss gekauft werden. Manchmal reicht eine kleine, scheinbar harmlose Abweichung vom Normalverhalten.

5. Die Ergebnisvalidierung ist anfälliger. Klassische Wettanbieter nutzen offizielle Liga- und Datendienstleister. Prediction Markets arbeiten oft mit Regeln, Quellen, Orakeln oder Community-basierten Entscheidungsmechanismen. Das kann bei politischen oder kulturellen Fragen schon kompliziert sein. Im Sport wird es noch heikler. Was passiert bei Spielabbrüchen? Bei nachträglich geänderten Entscheidungen? Bei strittigen Formulierungen? Bei Märkten, deren Titel anders klingt als ihre kleingedruckte Auflösung?

Ein Beispiel außerhalb des Sports zeigt, wie absurd und angreifbar der Mechanismus sein kann. In Paris wurde ein Temperatursensor am Flughafen Charles de Gaulle offenbar manipuliert, nachdem auf Polymarket auf eine ungewöhnlich hohe Temperatur gewettet worden war. Ob am Ende ein Föhn, ein Feuerzeug oder ein anderes Mittel verwendet wurde, ist fast zweitrangig. Entscheidend ist das Prinzip: Wenn ein Markt an einer einzelnen Messstelle hängt, wird diese Messstelle zum Ziel. Wenn ein Markt an einer Geste, einem Datenpunkt, einer Kameraeinstellung oder einer Spielstatistik hängt, wird genau diese Stelle angreifbar.

Integrierter Teil der Community

Prediction Markets sind nicht nur gefährlich, weil sie Manipulation ermöglichen, sondern weil sie die öffentliche Wahrnehmung des Sports selbst verändern.

Als Giannis Antetokounmpo bei Kalshi als Investor vorgestellt wurde, war das formal abgesichert: Er sollte nicht auf NBA-Märkte handeln dürfen. Aber schon die Nähe eines aktiven Superstars zu einer Plattform, auf der über seine sportliche Zukunft gehandelt wird, erzeugt Misstrauen – zumal er selbst vor Bekanntmachung auffällig oft über seine eigene Zukunft spekulierte.

Auch und gerade Fußball rückt verstärkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Kein Sport ist globaler. Kein Sport erzeugt so viele Datenpunkte, Gerüchte, Transfers, Emotionen und Mikroereignisse. Kein Sport verbindet so viele Märkte. Und kaum ein Sport besitzt eine so lange Geschichte der Wettmanipulation.

Die Summen zeigen, wohin die Reise geht. March Madness, das US-amerikanische Basketball-Fest des College-Sports, soll auf den einschlägigen Prediction Markets über 2,3 Milliarden USD bewegt haben. Bei der laufenden Fußball-WM wurden alleine in den ersten zwei Turnierwochen bereits 2,9 Milliarden USD gehandelt.

Noch hat Europa die Möglichkeit, diese Entwicklung zu begrenzen. Die entscheidenden Hebel liegen in Brüssel, bei den nationalen Glücksspielbehörden, bei Finanzaufsichten, bei Ligen und Verbänden. Sie müssen verstehen, dass Prediction Markets die perfekte Infrastruktur zur Monetarisierung von Manipulierbarkeit schaffen.

Der Sport hat lange gebraucht, um zu verstehen, wie gefährlich klassische Wettbüros für seine Integrität sein können. Bei Prediction Markets sollte er nicht wieder so lange warten.

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