Wie kaputt sind wir?

Die FIFA verdient jetzt auch am ungedeckelten Weiterverkauf von WM-Tickets mit. Man weiß nicht was schlimmer ist. Diese Obszönität selbst oder die ohrenbetäubende Stille, die sie umgibt.
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Hatte man als Fußballfan ein ausreichend dehnbares Verständnis des Wortes Anstand und darüberhinaus ein etwas schlichteres Gemüt, konnte man sich über die Arbeit der FIFA eigentlich nicht beklagen: Immer mehr Spiele, immer mehr Turniere, dafür aber immer weniger Bedenken, die einem die Alltagsflucht vermiesen. Doch der jüngste Kniff von Imperator Infantino rund um den Ticket(weiter)verkauf zur kommenden Fußball-WM 2026 hätte eigentlich auch den unkritischsten Fan auf die Barrikaden bringen müssen.

Herr, lass Schotter regnen

Denn statt Wucher und Hehlerei zu bekämpfen, macht sich die FIFA mit allen Spekulanten gemein, die Tickets nur deshalb erstehen, um sie im Nachhinein so teuer wie möglich weiterzuverkaufen. Sie stellt ihnen den perfekten Reselling-Marktplatz zur Verfügung und lässt sich dafür auch noch fürstlich entlohnen. Das Schröpfungsmodell funktioniert in drei Schritten:

  1. Ein “Dynamisches Pricing-System” passt die Preise im offiziellen Ticketportal gemäß Nachfrage an. Wer dahinter einen sozialistischen Schritt zur Demokratisierung der WM-Tribünen vermutet, wird enttäuscht. Denn während der Ticketpreis populärer Spiele so weit über einen fairen Betrag hinauswächst bis auch die spendierfreudigsten Fans nicht mehr zahlen wollen, sinkt der Preis weniger beliebter Spiele nur dann, wenn sonst Plätze leer bleiben würden. Im Schnitt nimmt die FIFA also deutlich mehr ein als bei fixen Ticketpreisen.
  2. Wer ein erworbenes WM-Ticket auf ihrem offiziellen Reselling-Marktplatz weiterverkauft, zahlt 15 % Verkaufsprovision vom erzielten Betrag. Wer das Ticket erwirbt, darf weitere 15 % abdrücken. Die FIFA kassiert also über den ursprünglichen (eigentlich geplanten) Verkauf der Tickets noch mindestens zweimal nach und kann so ein Mehrfaches einnehmen.
  3. Denn statt (wie in nationalen Wettbewerben wie der Bundesliga üblich) den Wiederverkaufspreis in Höhe des Erwerbspreises zu deckeln, macht die FIFA das Gegenteil – sie lässt Spekulanten den Preis frei bestimmen. Schon wenige Tage nach Verkaufsstart wurden auf der Plattform so Tickets für das erste Spiel des US-Teams – Einkaufspreis 560 USD – für knusprige 2.950 USD feilgeboten. Zusätzlich zum ursprünglichen Ticketpreis wird der Weltverband also weitere 885 USD (!) einnehmen – die Hälfe davon vom “geschickten” Wiederverkäufer, die andere vom gerupften Fan. Aktueller Rekordwert: Ein Finalticket für 64.000 USD. Katsching!

Dass man auch noch für Vorkaufsrechte zahlen soll oder bei Transaktionen eine Visa-Kreditkarte (Sponsor sagt, danke) nutzen muss… geschenkt. Es erscheint auch so schon überflüssig, aufzulisten, was alles an diesem Modell falsch ist und in welchem Kontrast es zur vermeintlichen Gemeinnützigkeit eines Sportverbandes steht.

Mehr Geld, mehr Macht

Zohran Mamdani, vermutlich zukünftiger Bürgermeister von New York, ging bereits auf Konfrontationskurs mit der FIFA (New York Times). Er kritisierte das dynamische Pricing und die Wiederverkaufsstrategie, und verlangte ein Kontingent von 15 % regulär bepreister Karten für Anwohner. Die FIFA hielt sich mit ihrer Reaktion zurück, erklärte aber sinngemäß, dass das Mitverdienen am Reselling ja eine tolle Sache sei, weil man erwarte, “mehr als 90 Prozent der geplanten Investitionen für den Zyklus 2023–2026 wieder in den Fußball zu reinvestieren, um die weltweite Fußballentwicklung zu fördern.”

Die Rede ist dabei von den großzügigen Fördertöpfen, die dafür sorgen, dass insbesondere Verbände mit prekären finanziellen Mitteln aus den Vollen schöpfen können. Neben frisch gestrichenen Kabinen und neuen Trainingsbällen tragen diese Fördertöpfe aber zu zwei weiteren Dingen bei:

Erstens, durch die Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Nutzung, sind sie ein dankbares Werkzeug für Misswirtschaft – wie zuletzt mal wieder im Kongo (Guardian) oder auf den Malediven (Reuters) bewiesen wurde. Zweitens, indem jeder Mitgliedsverband der FIFA (egal ob Kongo, die Malediven oder Brasilien, die USA und Deutschland) bei wichtigen Entscheidungen eine Stimme hat, kann die Verteilung der Fördertöpfe sehr “überzeugend” dabei sein, wo jene kleinen Verbände ihr Kreuz setzen – etwa bei der Wahl des Präsidenten.

Dass Infantinos Finanzabteilung mittels einer ungedeckelten, massiv provisionierten Reselling-Plattform noch mehr Geld zur Verfügung stehen wird – insgesamt möchte die FIFA laut The Athletic 3 Milliarden USD mit Tickets einnehmen – dürfte auf die beschriebene Wirkmacht nur noch weiter einzahlen. Auf Kosten der Fans.

Wo bleibt der Aufschrei?

Ob sich die FIFA hiermit aktiv selbst zum Hehler macht, dürfen Anwälte beurteilen. Pervers und skandalös ist es allemal. Ebenso wie die ohrenbetäubende Stille seitens großer Verbände. Aber auch Vereine und Fans wirken resigniert.

Für Letztere kritisierte das europäische Fanbündnis “Football Supporters Europe” auf Anfrage der Sportschau: „Der FIFA gehen niemals die Ideen aus, um die Loyalität der Fans auszubeuten“. Bis auf ein paar weitere Banner im Stadion hielt sich der Widerstand aber in Grenzen. Selbst symbolische Protestnoten seitens der Verbände blieben (nach meinem Wissen) aus – obwohl es gerade ihre Mitglieder sind, die von der FIFA geteert und gefedert werden. Andererseits, solange sich keine kritische Masse beschwert, warum sollte man sich das Leben auch schwer machen?

Dabei kann niemand behaupten, das Thema sei nicht omnipräsent: Unzählige Medien, öffentlich und privat, von links nach rechts und zurück, nicht nur im sensiblen, vermeintlich “übermoralisierten” Deutschland haben versucht, die Absurdität zu erklären oder zumindest zu erwähnen. Gewiss, ähnlich dem Diskurs rund um die WM in Katar setzen sich manche Regionen mehr, manche deutlich weniger mit solchen Themen auseinander: Ob es daran liegt, dass man als durchschnittlicher Fan in den eher apathischen Weltregionen, etwa in Osteuropa oder Südamerika, glaubt, sich sowieso keine Tickets leisten zu können?

Vielmehr erleben wir nun auch im Fußball das Phänomen der “Shifting Baselines”, also der Verrückung einer konkreten Erwartungshaltung durch Gewöhnung. Denn Infantino hat Trump durchgespielt. Immer öfter immer abstrusere Dinge vorzustellen, ohne dass Gesetze oder die Strukturen des Weltverbandes ihn daran hindern könnten. Und weil wir schon zwölf Ohrfeigen kassiert haben, uns gegen sie sowieso nicht wehren konnten oder wollten, ist uns die dreizehnte mittlerweile auch egal.

Doch eben diese Gewöhnung, die Aufmerksamkeit und Anspruch weiter ausleiert, wird zu Infantinos größter Waffe. Wenn niemand mehr wacht, niemand mehr reagiert, stehen ihm alle Türen offen.

Natürlich ist es vollkommen naiv, zu erwarten, dass sich Fanmassen in irgendwie spürbarer Menge von FIFA-Events abwenden. 4,5 Millionen Fans (ran) hatten sich alleine in der ersten Runde für WM-Tickets beworben – fallen die ersten um, stehen weitere Phalanxen bereit, die grummelnd sofort nach Karten greifen. Und so sehr sich jeder kritische Fan verspricht, bei der nächsten WM den Bildschirm auszulassen, am Ende greifen wir trotzdem nach der Fernbedienung.

Weil es nunmal auch unser Fußball ist, nicht nur seiner.

Widerstand hat Recht

Doch der Druck seitens der Fußballszene, insbesondere seitens der großen Verbände muss größer, lauter, aggressiver werden. Fans und Medien und Podcaster und Ligen und Vereine und Sponsoren (die ein verantwortungsvolles Image andeuten möchten) und auch und vor allem die Fußballer selbst müssen ihre Verbände in die Pflicht nehmen, um einen dauerhaften Widerstand aufzubauen. Ein allgegenwärtiger, brennender Druck, der das zynische Spiel Infantinos umkehrt und ihm den Alltag immer unangenehmer und unbequemer macht.

In diesem Zug wird übrigens ersichtlich, dass auch im Sport die Digitalisierung mit Nichten das Versprechen des Arabischen Frühlings gehalten hat. Statt der Masse eine neue Macht zu verschaffen, um sich zu vernetzen und der Elite mit gebündelter Kraft auf gleicher Höhe entgegenzutreten, passiert das genaue Gegenteil. Die Elite baut sich eben jene Werkzeuge (zum Beispiel einen eigenen “Schwarz-Weiß-Markt” für WM-Tickets), um die Masse auszunehmen.

Was neben der Hoffnung auf ein Erwachen der bislang stillen Opposition bleibt, ist ein langweiliges, aber umso wirksameres Mittel der alten Schule: das Gesetz. Tatsächlich liefert das europäische Verbraucherschutz- und Wettbewerbsrecht (und in vielen einzelnen Ländern) zahlreiche Ansatzpunkte dafür, dass Praktiken wie hohe Provisionen oder ungedeckelter Ticketweiterverkauf problematisch sein können. Es braucht also keine globale Bewegung, sondern nur die eine Partei, die sich diesen Rechtsstreit gönnt – auch mit der Aussicht, dass selbst wenn die FIFA bestehen sollte, es zumindest ein weiterer Nadelstich, ein weiteres wichtiges Lebenszeichen des Widerstandes sein könnte.

Solange wir Infantino & Co. machen lassen, ist an diesem Wertekollaps nur einer schuld: wir selbst.

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